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Im Test: Wileyfox Storm mit Cyanogen OS 12.1 und Dual-SIM-Support

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Du hast noch nie von Wileyfox gehört? Kein Thema, der Brand ist ein Fantasiename aus England und könnte genauso gut auch Redstone oder Andyfox heißen. Kennen solltest du ihn aber dennoch, denn die Firma gehört zu den wenigen Android-Herstellern, die ihre Smartphones mit Cyanogen OS ausliefern. Was das heißt und wie sich das Storm im Alltag schlägt, verrät dir unser Testbericht.

Steve Kondik und Kirt McMaster haben große Pläne. Zusammen mit ihren millionenschweren Investoren möchten sie aus der Garagenfirma Cyanogen Inc. eine ernsthafte Konkurrenz zu Google aufbauen. Dabei sind sie auf die Zusammenarbeit von Smartphone-Herstellern angewiesen, denn Hardware machen sie keine, nur Software: Cyanogen-Software.

Die erste Hardware-Firma, die Cyanogen Inc. in weiten Kreisen bekannt machte, war OnePlus mit dem OnePlus One, dem Flagship Killer 2014 schlechthin. Doch auch 2015 gab es ein paar neue Smartphones mit dem proprietären Betriebssystem von Cyanogen, allen voran ZUK alias Lenovo mit dem Z1 (Testbericht) und Wileyfox aus UK mit dem „kleinen Swift“ und dem „großen Storm“. Seit kurzem gibt es zudem auch von Bq das Aquaris X5, sodass Cyanogen OS in Europa offiziell auf vier Smartphones erhältlich ist.

Wer oder was ist Wileyfox?

Die Antwort ist recht einfach: Hinter dem Fantasiebrand verbergen sich die Macher von Kazam, also ehemalige Mitarbeiter und Manager anderer Smartphone-Hersteller, die sich gesagt haben „Das können wir auch und besser!“. Um Kazam ist es etwas ruhiger geworden, anscheinend reichte die Displaybruchgarantie nicht aus, um genügend neue Kunden zu werben. Wileyfox ist aber — auch dank Cyanogen OS 12.1 — etwas ganz besonderes. Denn im Unterschied zu CyanogenMod, das es für viele Smartphones gratis zum Download gibt, muss man hier nichts herumfrikeln, um an ein Cyanogen-System zu kommen, das „Custom-ROM“ ist quasi von Haus aus vorinstalliert. Es bietet zudem auch einen gewissen Mehrwert gegenüber der freien Firmware CyanogenMod. Wo die Unterschiede genau liegen, erklärt dir folgendes Video. Der Artikel geht im Folgenden nur auf die Möglichkeiten von Cyanogen OS 12.1 ein, wie es auf dem Wileyfox Storm installiert ist. Aktuell gibt es noch kein CM 13 für das Gerät.

Das Wileyfox Storm ist also quasi ein Noname-Gerät aus China mit einem tollen Fantasienamen und Cyanogen OS 12.1 (Android 5.1) als Betriebssystem.

Der erste Eindruck

Es ist schon eine Weile her, seitdem ich mein Storm ausgepackt und in Betrieb genommen habe, aber an einen Eindruck kann ich mich ganz gut erinnern: Wow, das sieht ja aus wie eine OnePlus-One-Kopie! Zu diesem Eindruck trägt unter anderem der Formfaktor (5,5″, relativ groß) und die auf Sandstein gemachte Rückseite bei.

Die Rückseite sieht ein wenig wie beim OnePlus One aus.
Die Rückseite sieht ein wenig wie beim OnePlus One aus.

Doch der Eindruck hält — zumindest was die Rückseite betrifft — nicht lange an. Denn schnell bilden sich Schmieren auf der Rückseite, vom rauhen Feeling bleibt schon nach wenigen Tagen Nutzung nicht mehr viel übrig. Da die Rückseite und der 2500-mAh-Akku fest verbaut sind, lässt sich dieses Problem nicht auf die Schnelle lösen. Hier musst du wohl damit leben oder holst dir gleich eine Schutzhülle zum Wileyfox Storm, um die Fettflecken zu verhindern.

Die Rückseite sieht bereits nach wenigen Tagen verschmiert und abgenutzt aus. Sie lässt sich zudem nicht entfernen.
Bereits nach wenigen Tagen sieht das Strom von hinten verschmiert und abgenutzt aus. Die Rückseite lässt sich zudem nicht entfernen oder auswechseln.

Abgeschaut hat Wileyfox auch beim USB-Kabel, das wie beim OnePlus Two ausgefallen ist. Allerdings hat man hier den Fehler von OnePlus nicht mit eingebaut, sodass der Stecker richtig herum plaziert ist.

Beim weißen Wileyfox-Kabel passt die Rundung des Steckers zum eigentlichen USB-Anschluss. Beim roten OnePlus-Kabel ist sie verkehrt herum.
Beim weißen Wileyfox-Kabel passt die Rundung des Steckers zum eigentlichen USB-Anschluss. Beim roten OnePlus-Kabel ist sie verkehrt herum.

Gestört hat mich zudem von Anfang an, dass das Kamera-Modul des Storm bei der Linse um rund 1mm hervorsteht. In den Tests hatte ich aber keine Probleme damit und inzwischen habe ich mich an diesen „Designlapsus“ gewöhnt.

Designtechnisch ist das Kameramodul nicht so mein Fall, in der Praxis gab es mit der speziellen Bauform aber keine Probleme.

Abgesehen von diesen kleinen Details ist die verbaute Hardware aber absolut in Ordnung. Der Snapdragon 615 sorgt für mehr als genügend Dampf unter der Haube (auch dank 3 GByte RAM), und die Blickwinkel des verbauten Full-HD-Displays sind ok. Einzig bei der Reaktionsgeschwindigkeit der dezent beleuchteten kapazitiven Tasten hätte ich mir etwas mehr Speed gewünscht.

Die kapazitiven Tasten reagieren manchmal etwas träge.
Die kapazitiven Tasten reagieren manchmal etwas träge.

A propos Tasten: Hier gibt es im Cyanogen-OS-Forum ein paar Beschwerden, dass die linke Dreiecktaste wohl ab und zu den Geist aufgibt. Das neueste Update vom 8. Januar soll dieses Problem behoben haben. Es trat bei meinem Storm nicht auf.

Software

Stellt die Hardware eher gutes Mittelmaß dar, gibt es an der Software kaum etwas auszusetzen: Cyanogen OS ist gut, schnell und läuft stabil. Zudem hat das Storm in den vergangenen Wochen regelmäßig Updates bekommen und wird eventuell auch noch Marshmallow bzw. Cyanogen OS 13 erhalten.

Cyanogen versorgt das Wileyfox Storm regelmäßig mit Sicherheitsupdates und Fehlerkorrekturen.
Cyanogen versorgt das Wileyfox Storm regelmäßig mit Sicherheitsupdates und Fehlerkorrekturen.

Von Cyanogen OS war ich absolut positiv überrascht. Sämtliche Kritikpunkte, die man gegen Cyanogen OS 12.1 vorbringen könnte, sind eigentlich nichtig. Denn weder muss man den in die Telefon-App integrierten Dienst Truecaller benutzen, noch die E-Mail-App Boxer oder den proprietären Boxer-Kalender. Ja, die Apps lassen sich sogar — ohne Root-Rechte — deinstallieren. Es gibt also wirklich keinen Grund, Cyanogen OS nicht zu mögen.

Die Truecaller-Unterstützung ist fakultativ. Die App lässt sich komplett löschen.
Die Truecaller-Unterstützung ist fakultativ. Die App lässt sich komplett löschen.
Die E-Mail-App Boxer und die restlichen proprietären Komponenten lassen sich deinstallieren.
Die E-Mail-App Boxer und die restlichen proprietären Komponenten lassen sich deinstallieren.

Im Gegenteil: Im Unterschied zu einem Nexus-Smartphone kannst du hier zum Beispiel auch Chrome, Gmail oder Google Hangouts löschen, wenn du diese Google-Apps nicht benötigst. Speicher ist ebenfalls zur Genüge vorhanden: 32 GByte sind fest verbaut. Wenn du mehr benötigst, musst du den Slot mit der Nano-SIM-Karte opfern und stattdessen eine MicroSD-Karte einlegen (max. 128 GByte).

„Das Wileyfox Storm besitzt einen Hybrid-Slot: Micro-SIM + Nano-SIM oder Micro-SIM + MicroSD.“

Besonders gut gefallen hat mir an Cyanogen OS zum Beispiel die Option, die PIN-Abfagen auf dem Lockscreen immer in einer anderen Zahlenreihenfolge anzuzeigen oder die Möglichkeit, App-Ordner mit einem Muster vor unbefugtem Zugriff zu schützen. Als CyanogenMod-Nutzer kennst du diese Features aber bestimmt schon.

Es muss nicht immer 1,2,3,4 sein. Cyanogen OS mischt die Nummern für die PIN-Code-Abfrage durcheinander. Das erschwert das "Mitlesen".
Es muss nicht immer 1,2,3,4 sein. Cyanogen OS mischt die Nummern für die PIN-Code-Abfrage durcheinander. Das erschwert das „Mitlesen“.
Der App-Ordner in der oberen Reihe links ist durch ein Muster vor dem unbefugten Zugriff geschützt.
Der App-Ordner in der oberen Reihe links ist durch ein Muster vor dem unbefugten Zugriff geschützt.

Ein paar Einstellungen der Software sind zwar in der Grundeinstellung versteckt und die Root-Option fehlt in den Entwickleroptionen, aber abgesehen davon bietet Cyanogen OS alle Features von CyanogenMod 12.1 aber mit besserem Theme-Support und einer optisch etwas hübscheren Audio-FX-App.

Die Theme-App unter Cyanogen OS 12.1 arbeitet viel besser als bei CyanogenMod 12.1.
Die Theme-App unter Cyanogen OS 12.1 arbeitet viel besser als bei CyanogenMod 12.1.

In den Genuss der Microsoft-App Cortana und der Reklame für Microsoft-Apps ist mein Wileyfox Storm noch nicht gekommen. Aber auch hier gilt: Keine Panik, die nicht erwünschten Apps lassen sich löschen.

„Es gibt keinen Grund, Cyanogen OS nicht zu mögen!“

Kamera & Audio

Mit seiner 20,7-Megapixel-Kamera reiht sich das Storm laut Papierform neben Größen wie dem Moto X Play, dem Nexus 5X oder dem Lenovo Vibe X3 ein. Tatsächlich ist die Kamera nicht von schlechten Eltern: Der Sensor stammt von Sony (Exmor IMX220) und als App kommt eine Eigenentwicklung von Cyanogen Inc. zum Einsatz. Diese Kombination reicht für gute Fotos, aber keine Höchstleistungen. Das Storm kommt also nicht an ein Galaxy S6, LG G4 oder Nexus 5X/6P heran, bringt aber für ein quasi „Noname“-Smartphone eine recht gute Kamera mit.

Das Wileyfox Storm macht gute Fotos (antippen für 100% Ansicht).
Das Wileyfox Storm macht gute Fotos (antippen für 100% Ansicht).

Ebenfalls brauchbar ist die 8-MP-Frontkamera, die Dank Blitz auch am Abend noch brauchbare Selfies aufnimmt. Sogar sehr gut gefallen hat mir die Bildqualität der Full-HD-Videos des Storm. Allerdings nimmt das Storm nur in Mono auf und die Lautstärke ist dabei etwas zu niedrig eingestellt. Man muss schon sehr nahe an das Mikrofon auf der Geräteunterseite herangehen, um zum Beispiel Gespräche zu verstehen.

Sind wir bei der Audoqualität: Hier gibt es lediglich ein genügend bis gut von uns, denn der verbaute Lautsprecher ist nicht wirklich toll, auch könnte die Gesprächsqualität etwas besser sein. Über den externen Ausgang ist zudem in bestimmten Situationen ein Knacksen zu hören. Das darf nicht sein, wenn man zum Beispiel mit Kopfhörern Musik hört und es anschließend laut Knackst, nur weil man das Gerät entsperren möchte (und ich meine damit ein Knacksen, nicht das Geräusch des Entsperrvorgangs). Audio FX ist optisch ein Leckerbissen, bietet aber funktionell nicht wirklich mehr als jede andere beliebige Equalizer-App.

Optisch ist AudioFX hübsch anzusehen, der verbaute Soundchip des Wileyfox-Storm ist aber kein HIgh-End.
Optisch ist AudioFX hübsch anzusehen, der verbaute Soundchip des Wileyfox-Storm ist aber kein HIgh-End.

Einen eigenen Musikplayer hat Cyanogen OS keinen an Bord, es gibt nur Google Play Musik in der Grundeinstellung.

Performance & Akkulaufzeit

Der verbaute Snapdragon 615 ist keine High-End-CPU, aber ein solides Arbeitstier. Das Wilefox Storm kommt mit dem Prozessor problemlos über den Tag, auch bei zwei SIM-Karten und leistet sich dabei praktisch keine Denkpausen. Mit einem AnTuTu-Score von 30.000 Zählern (wir benutzten den neuesten AnTuTu-Benchmark) bleibt das Storm dabei weit hinter den Werten aktueller Flaggschiffe zurück und schneidet auch im Vergleich mit anderen Smartphones mit Snapdragon 615 eher bescheiden ab. Auch beim HTML-Benchmark von Vellamo kommt es lediglich auf 2210 Punkte. Die restlichen Benchmark-Resultate findest du mit den kompletten technischen Daten zusammen auf unserer Produktseite zum Wileyfox Storm.

Akkuverbrauch im Test nur mit WLAN, ohne aktive LTE-Verbindung. Mit aktivem Mobilfunknetz ist der Akku deutlich schneller leer.
Akkuverbrauch im Test nur mit WLAN, ohne aktive LTE-Verbindung. Mit aktivem Mobilfunknetz ist der Akku deutlich schneller leer.

Die Akkulaufzeit des Wileyfox Storm ist für ein Dual-SIM-Smartphone gut. Ich kam in den Tests ohne Akkusparmodus (Akkumodus: ausgeglichen) auf knapp 4 Stunden Displayzeit bei rund 30 Stunden Nutzung. Eine der beiden SIM-Karten befand sich dabei allerdings im 2G- und im Roaming-Modus.

„Das Wileyfox Storm schafft solide Akkulaufzeiten, vollbringt aber keine Wunder.“

Wenignutzer sollten mit einer SIM auf Laufzeiten von zwei bis drei Tagen kommen, Poweruser kommen mit dem Storm durch den Tag.  Sollte der Akku mal knapp werden, lässt sich das Wileyfox Storm mit einem passenden Qualcomm Quick Charging Gerät recht schnell wieder aufladen. Ein Ladegerät gibt es allerdings keines in der Verpackung, nur das USB-Kabel.

Fazit

Das Wileyfox Storm kombiniert eine sehr gute Software mit einer mittelmäßigen Hardware. Aktuell kostet das Wileyfox Storm bei Amazon rund 280 Euro. Das von den Specs her etwas schwächere Lenovo K3 Note wechselt bei Amazon hingegen bereits für 170 Euro den Käufer, ähnlich günstige Geräte bieten auch andere China-Hersteller an. Bleibt somit die Frage, ob die vorinstallierte Software den Mehrpreis wert ist? Das hängt davon ab, welche Ansprüche du an dein Smartphone hast. Persönlich sind mir die monatlichen oder noch fleißiger durchgeführten Sicherheitsupdates sehr viel wert. Allerdings gibt es kein offizielles Statement, ob das Storm und das Swift ein Update auf Android 6.0 „Marshmallow“ erhalten werden oder bei 12.1 stehenbleiben werden. Lediglich ein Tweet schürt Hoffnung auf Marshmallow für das Wileyfox Storm. Insofern bleibt also etwas Unsicherheit. Dennoch finde ich die Cyanogen-Software auf dem Storm sehr gut gelungen und das Gesamtpaket in Ordnung. Das Wileyfox Storm bekommt deshalb 3,8 von maximal 5.0 Punkten und die Android-User-Bewertung „gut“.

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