Start Im Test Kurzest: HTC One A9 – Die nicht zu Ende gedachte Nexus-Alternative

Kurzest: HTC One A9 – Die nicht zu Ende gedachte Nexus-Alternative

Hut ab vor HTC, denn vor Google selbst ein Smartphone mit der allerneuesten Android-Version auf den Markt zu bringen, das hat bisher noch kein Hersteller fertig gebracht. Doch das HTC One A9 ist nicht nur in dieser Hinsicht eine Überraschung, sondern hat auch noch weitere Besonderheiten an Bord. Welche das sind und ob das A9 eine echte Alternative zum Nexus 5X ist, verrät dir unser Testbericht.

Meine Vermutung (reine Spekulation) ist ja, dass HTC das One A9 im Kampf um das neue Nexus 5 ins Rennen schickte und dabei gegen LG den Kürzeren zog. So hatte HTC also bereits ein Marshmallow-Smartphone mit Fingerabdrucksensor in der Mache und fand es zu schade, das Modell einfach sterben zu lassen. Ergo bringt man es als HTC-Smartphone auf den Markt und ist dabei noch schneller als LG und Google. Das aber nur mal als rein spekulative Einleitung, deren Wahrheitsgehalt ich weder bestätigen noch widerlegen kann ;-)

Beim folgenden Testbericht handelt es sich um einen Kurztest über knapp 48 Stunden. Bei den üblichen Testberichten von Android User testen wir die Geräte mindestens 7 Tage lang. Zudem soll hier auch nicht unerwähnt bleiben, dass wir das Testgerät direkt von HTC Deutschland bekommen haben (vielen Dank!) und dass es sich dabei um ein explizit als Testgerät deklariertes Device handelt. Das von uns getestete HTC One A9 kann also theoretisch leichte Abweichungen gegenüber einem im freien Handel erhätlichen Gerät aufweisen.

Erster Eindruck

Mein erster Eindruck vom HTC One A9 war bereits auf der Präsentation in München im Oktober äußerst positiv und hält auch nach einem intensiven 48-Stundentest weiterhin an. Wer sich an den ,,Ähnlichkeiten des HTC One A9 zu früheren HTC-Geräten„ nicht stört, dem wird das One A9 sowohl optisch als auch funktionell zusagen. Es ist etwas kleiner als das Nexus 5X, bringt aber auch nur ein 5-Zoll-Display mit, keine 5,2-Zoll. Dabei handelt es sich um ein sehr schönes AMOLED-Display mit 1920 x 1080 Pixeln und Gorilla Glass 3, das eine wahre Augenweide ist.

Die Verarbeitung lässt kaum Wünsche offen. Das HTC One A9 liegt angenehm in der Hand, neigt aber wie praktisch alle Top-Smartphones von HTC dazu, aus der Hand zu gleiten. Ein gutes Case ist also ein Muss, hier drängt sich der Kauf eines passenden Dot-View-Covers nahezu auf, doch ein TPU-Case für 5 Euro tut’s auch. Erwähnenswert ist der Power Button auf der rechten Seite des Geräts. Er ist stark geriffelt und sorgt damit dafür, dass man ihn zum Beispiel in der Tasche besonders einfach findet und problemlos von den Lautstärketasten unterscheiden kann. Den Kopfhöreranschluss hat HTC mit einem Mono-Speaker und dem gewöhnlichen Micro-USB-Anschluss zusammen auf der Geräteunterseite verbaut.

Die Anschlüsse für USB und Kopfhörer sind an der Unterseite verbaut.
Die Anschlüsse für USB und Kopfhörer sind an der Unterseite verbaut.

Eine weitere Besonderheit hat sich HTC bei den Einschüben für die Nano-SIM-Karte und die microSD-Karte einfallen lassen. Die kleinen Schlitten sind nicht starr wie bei der Konkurrenz sondern verfügen über ein separates Kopfteil, das beweglich ist. Der Schlitten selbst ist aus Kunststoff. Ob sich diese Bauweise bewährt, wird die Zukunft zeigen. Ich konnte jetzt auf Anhieb keinen Vorteil feststellen.

Mal was anderes: Die Einschübe für Nano-SIM und microSD-Karte sind zweigeteilt und aus Plastik.
Mal was anderes: Die Einschübe für Nano-SIM und microSD-Karte sind zweigeteilt und aus Plastik.

Software wie gewohnt, zumindest fast alles…

Vorinstalliert ist wie bereits erwähnt Android 6.0 ,,Marshmallow„ in der 64-Bit-Version. Dank des verbauten Snapdragon 617 Prozessors und 2 GByte RAM arbeitet das System flott und leistet sich nur einen großen Lapsus: Beim Betätigen des Home-Buttons legt das HTC-eigene Widget für die am häufigsten benutzten Apps regelmäßig eine Denkpause ein, die auch mal bei einer Sekunde liegen kann. Das geht natürlich gar nicht, also nichts wie weg mit dem Widget! Wie sich das HTC One A9 in unseren Standard-Benchmarks schlägt, liest du über diesen Link. Hier findest du auch sämtliche technische Daten zum Gerät.

Die Marshmallow-Version von HTC Sense gibt sich fast wie gehabt. Das Widget auf dem Startbildschirm ist aber noch nicht ausgereift.
Die Marshmallow-Version von HTC Sense gibt sich fast wie gehabt. Das Widget auf dem Startbildschirm ist aber noch nicht ausgereift.

HTC nennt die Oberfläche „Android 6.0 with Sense“. Man beachte den subtilen Unterschied zu früheren HTC-Geräten, die mit Sense X (basierend auf Android X) beworben wurden. Und — der Hammer — HTC hat in den USA versprochen, das One A9 beim Release einer neuen Android-Version innerhalb von 15 Tagen (sic!) auf die neue Android-Version zu hieven. Dieses Versprechen gilt zwar nur für die USA, dürfte das Gerät aber auch hierzulande spannend für Nexus-Fans und für alle machen, die gerne das neueste Android benutzen. HTC hat hier in den letzten Jahren sehr stark zugelegt, was die Updates betrifft. Insofern ist das One A9 eine gute Wahl.

Marshmallow mit SD-Karte

Das HTC One A9 ist eines der bisher wenigen Smartphones, das einen microSD-Slot und das neueste Android besitzt. Daraus ergeben sich komplett neue Möglichkeiten. So lassen sich nun Apps komplett auf die Speicherkarte verschieben und die microSD-Karte erweitert de facto den internen Speicher, auch wenn Android die beiden Geräte getrennt auflisten. In der Grundeinstellung verhält sich der Speicher aber wie noch unter Lollipop. Du kannst also keine Apps auf die Karte verschieben und Apps, denen du nicht explizit das Recht erteilst, dürfen auch nicht auf die microSD-Karte zugreifen. Um das zu ändern, öffnest du in den Einstellungen den neuen Menüpunkt Speicher & USB und tippst hier auf den Eintrag zur microSD-Karte (nicht wundern, wenn dieser +- lautet. Hast du die Speicherkarte ausgewählt, dann findest du rechts oben im Menü mit den drei Punkten einen Eintrag „Als internen Speicher formatieren“. Wählst du diesen aus, dann wird die SD-Karte formatiert und verschlüsselt. Sie ist anschließend in keinem anderen Gerät mehr nutzbar, was die Sicherheit der Daten erhöht.

Eine so eingerichtet microSD-Karte lässt sich als vollwertige Erweiterung des Speichers benutzen. Du kannst Daten vom internen Speicher darauf migrieren und Android lädt Apps und Daten so herunter, dass interner und externer Speicher möglichst gut ausgeglichen sind.

„Eine fest ins System eingebundene microSD-Karte ist außerhalb des Smartphones unbrauchbar!“

WICHTIG: Willst du die Einbindung der SD-Karte rückgängig machen, dann werden dabei wieder alle Apps und alle Daten auf der Karte gelöscht, ohne großartige Nachfrage! Das gilt nicht nur für Apps, die du auf die SD-Karte verschiebst, sondern auch für alle Daten, die jemals auf der Karte gelandet sind. Bei meinem Test gingen so sämtliche Testbilder verloren, die ich mit der Kamera des HTC One A9 geschossen hatte. Marshmallow lagerte diese auf die microSD-Karte aus und beim Formatieren wurden sie natürlich gelöscht. Im internen Speicher waren keine Fotos mehr… Betrachte diese Entscheidung also als einmalige und versuche gar nicht erst, zwischen den zwei Möglichkeiten hin und her zu wechseln.

Apps lassen sich nach dem Setup einer microSD-Karte komplett auf den zusätzlichen Speicher verschieben.
Apps lassen sich nach dem Setup einer microSD-Karte komplett auf den zusätzlichen Speicher verschieben.

Die Sache mit dem Fingerprint Reader

Apple und Samsung haben ihn vorne, Huawei, weitere chinesische Smartphone-Hersteller und jetzt auch LG beim Nexus 5X haben ihn hinten verbaut. Die Rede ist vom Fingerabdrucksensor. Bei Samsung und Apple macht diese Entscheidung auch irgendwie Sinn, setzen diese beiden Hersteller doch seit eh und je auf einen mechanischen Home-Button. Doch warum wählte auch HTC diesen Weg, obwohl man schon seit Jahren auf Navigations-Tasten verzichtet und stattdessen die Software-Navigation von Android benutzt? Das muss man nicht verstehen. Zur Funktionsweise von Fingerabdrucksensoren habe ich ja bereits einen ausführlichen Artikel veröffentlicht. Beim HTC-Sensor handelt es sich um einen FAS, der erst dann aktiv wird, wenn du ihn einmal leicht berührt hast. Er weckt zwar in der Grundeinstellung das Gerät auf, wenn du deinen Finger auf den Sensor hältst, scannt aber den Finger erst im Anschluss. So musst du dich entscheiden, ob du den FAS nur kurz antippst, um eben mal die Uhrzeit oder eine neue Benachrichtigung zu lesen, oder ob du den Finger länger drauf lässt, damit auch der FAS aktiv wird.

Die Fingerprint-Einstellungen des HTC One A9.
Die Fingerprint-Einstellungen des HTC One A9.

Witzigerweise lässt sich die Funktion als Home-Button in den Einstellungen des FAS ausschalten. Das bewirkt aber nicht, dass der Fingerprintreader dann gleich das Gerät entsperrt, sondern dann musst du es zuerst über den Power-Button auf der rechten Seite einschalten, erst danach kannst du es via FAS entsperren. Wer Angst vor einem unfreiwilligen Scan des eigenen Finger hat, wird an dieser Lösung eventuell Gefallen finden, ich finde sie einfach nur umständlich und unverständlich. Abgesehen davon reagiert der Sensor gut und erkennt den Finger in den meisten Fällen auf Anhieb, wenn man ihn nicht aus einem beliebigen Winkel platziert.

Klasse Kamera

HTC setzte bereits bei der Vorstellung des One A9 den Fokus auf die Kamera und die zugehörigen Kamera-Funktionen. Diese konnte ich denn auch in der kurzen Zeit ausgiebig testen. Dummerweise löschte ich beim Herumexperimentieren mit der microSD-Karte (siehe Vide oben) sämtliche Fotos und es war schon dunkel, um neue zu schießen. Du musst dich hier also auf mein Urteil verlassen, ich kann keine Testfotos liefern.

Die Kamera-App ist intuitiv bedienbar, steckt aber dennoch voller Möglichkeiten.
Die Kamera-App ist intuitiv bedienbar, steckt aber dennoch voller Möglichkeiten.

Sowohl was den verbauten Kamera-Sensor mit 13 Megapixeln und OIS angeht als auch in Hinsicht der Kamera-App bietet das HTC One A9 fast alles, was das Fotografen-Herz begehrt. Die Kamera löst schnell aus, macht von 10 Fotos 10 brauchbare Aufnahmen und speichert die Bilder auf Wunsch auch im RAW-Format.

Zeitlupe und Hyperlapse sind witzige Funktionen und dank des vorinstallierten Video-Editors kannst du nicht nur die Fotos gleich auf dem Handy bearbeiten, sondern auch deine Videos. Das Zoe-Feature ist ebenfalls mit an Bord. Hier hat das HTC One A9 wirklich fünf Sterne verdient. Nicht überzeugt war ich hingegen von der integrierten Funktion, um RAW-Fotos zu verbessern.  Die so generierten Bilder wiesen klar ein deutlich größeres Rauschen auf als die Original-DNGs. Hier bleibt also weiterhin der Schritt zum PC notwendig.

RAW-Aufnahmen lassen sich auf Wunsch gleich auf dem Handy verbessern. In den meisten Fällen bringt das allerdings nichts.
RAW-Aufnahmen lassen sich auf Wunsch gleich auf dem Handy verbessern. In den meisten Fällen bringt das allerdings nichts.

Da ich einen Tag vorher gerade den Testbericht zum Nexus 5X festgestellt hatte, wollte ich natürlich auch einen Vergleich machen, doch dummerweise war das 5X mit dem Akku am Ende und ich hatte auf meinem Fotowalk — wer hätte es gedacht — kein USB Type C Kabel dabei (ist jetzt aber bestellt :-)

Subjektiv schätze ich die Unterschiede als sehr gering ein. Das HTC-Smartphone dürfte dank OIS in wirklich dunklen Umgebungen noch etwas besser abschneiden als das Nexus 5X, das Nexus 5X wird hingegen bei guten Lichtverhältnissen die Nase vorne haben.

Audio nur Durchschnitt

Der verbaute Mono-Lautsprecher bringt eine solide Leistung, unterscheidet sich aber nicht wirklich von einem halbwegs brauchbaren Speaker in einem 200-Euro-Handy. Die Musikqualität über Kopfhörer ist hingegen sehr gut, auch dank Dolby Digital. Dennoch habe ich echte Stereo-Speaker beim HTC One A9 vermisst, denn Boomsound über Kopfhörer ist nun leider mal schon lange kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Das integrierte Audio FX von Google Play Music leistet zum Beispiel genauso viel. Auch haben inzwischen viele günstigere Smartphones Dolby Digital mit an Bord.

Negativ aufgefallen ist mir hier bei den Tests, dass die eigene Musik-App von HTC wohl dem Rotstift zum Opfer gefallen ist. Jedenfalls ist nur Play Music vorinstalliert. Auf all die coolen Features wie Songtexte, coole Grafiken, die zur Musik passen und auf deine von einem anderen HTC-Gerät her gewohnte Musik-App musst du also verzichten. Zudem hat HTC in Google Play Music den Equalizer entfernt. Das macht durchaus Sinn, schließlich würden sich der eingebaute FX-Verstärker und Boom Sound in die Quere kommen, aber so richtig nachvollziehen kann ich auch diese Entscheidung (Boomsound ja, eigene Musik-App nein) nicht.

Fazit

Das HTC One A9 wurde nicht zu Ende gedacht. So passen das Design im iPhone-Stil und das wirklich nur für Geeks relevante Update-Versprechen ebensowenig zusammen wie der zu kleine Akku und die tolle Kamera. Definitiv am falschen Platz hat HTC den Fingerabdrucksensor verbaut. Entweder Soft-Buttons oder Onscreen-Buttons, aber nicht dieses Gemisch, das für einen doppelten Home-Button und reichlich Verwirrung sorgt. Last but not least bleibt auch der tolle Boom-Sound beim HTC One A9 auf der Strecke. Über Kopfhörer klingt das One A9 zwar ebenso boooombastisch wie die One-M-Serie, der interne Speaker bringt aber keinen echten Mehrwert. So bleibt einzig die Kamera als herausragendes Feature, das den hohen Preis halbwegs rechtfertig. Für mich persönlich sind der zu kleine Akku und der Fingerabdrucksensor zwei K.O.-Kriterien. Spielen sie für dich keine Rolle, dann ist das HTC One A9 ein schönes Smartphone mit einer — hoffentlich sehr langen — Android-Versionshistory.

Kommentiere den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here