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RAW-Fotografie mit dem Smartphone: Besser als JPEG-Bilder?

Ein Foto hält den Moment fest. Und bringt oft auch die Erinnerungen und Emotionen wieder, die dieser Moment hervorgerufen hat.  Profis schwören dabei auf Fotos im RAW-Format. Seit Android 5 gibt es diese Möglichkeit auch für wenige Android-Smartphones. Doch lohnt sich der Aufwand bei den kleinen Sensoren überhaupt?

Heutzutage ist gefühlt jeder Zweite mit einer Kamera – ob Kompakt- oder Spiegelreflex – unterwegs, um auch ja jeden noch so kurzen, aber doch wichtigen Moment festhalten zu können, und seien es nur die besonders hübsch garnierten Spaghetti beim Italiener. Vor allem auf den diversen Social-Network-Seiten findet man immer mehr Bilder, die mit dem Smartphone geschossen wurden, da diese Geräte nun mal schneller gezückt sind und vor allem kaum Platz in der Hosentasche wegnehmen. Die künstlerischen Ansprüche an solche Schnapschüsse sind meist recht niedrig, denn schließlich ist das Foto am nächsten Tag schon wieder vergessen und ein neues Motiv an der Reihe. Doch aus dem Urlaub oder vom Familienfest möchte man vielleicht auch mit dem Handy mal ein besonders tolles Bild schießen. Den Augenblick in einer möglichst guten Qualität festhalten.

Genau dazu gibt es im aktuellen Android-Betriebssystem  5.0 „Lollipop“ die sogenannte Camera2-API. Sie bietet neben Videostabilisierung und vielen weiteren Neuerungen auch die Option, Bilder im DNG-Format (Digital Negative) zu speichern. Dabei handelt es sich um ein Format aus dem Hause Adobe, das in der RAW-Fotografie Verwendung findet und quasi Standard ist. Einige Android-Geräte können diese API bereits nutzen. Dazu gehören das Nexus 5 und Nexus 6, das OnePlus One, das HTC M9, das G4 von LG und mit dem neuesten Android-Update auch das Galaxy S6. Mein Z3 Compact hat aufgrund von Restriktionen seitens des Herstellers Sony noch keine Möglichkeit einen Nutzen daraus zu ziehen, auch andere Sony-Smartphones müssen weiterhin auf RAW-Support warten, obwohl die verbaute Hardware das Feature unterstützt. Die Zahl an Androiden mit RAW-Support hält sich also noch stark in Grenzen. Für diesen Artikel benutzten wir das G4 von LG mit der hauseigenen Kamera-App, die das RAW-Format unterstützt. Kamera-Apps, die im RAW-Format fotografieren, sind unter anderem die Camera FV-5, Manual Camera und die nicht im Play Store erhältliche L Camera. Auf einen Vergleich mit den einzelnen Kamera-Apps haben wir in diesem Artikel verzichtet.

Funktion und Vorteile

RAW bedeutet auf Deutsch „roh“. Ein im RAW-Format gespeichertes Foto enthält die reinen Rohdaten eines Bildes. Keine Bildverbesserungen, keine Filter – nichts als das unveränderte Originalbild. Beim bekannteren JPG-Format werden unter Anderem aus Platzgründen zum Beispiel der Farbton oder Bildschärfe-Anpassungen bereits beim Speichern fest in das Foto mit eingearbeitet. Das Bildmaterial wird zudem verlustbehaftet komprimiert. Das spart Platz. Fotos im RAW-Format behalten sämtliche Informationen, die der Bildsensor gespeichert hat. Zur vernünftigen Darstellung – wie zum Beispiel hier in diesem Artikel – müssen die Rohbilder allerdings durch einen Konverter in ein übliches Format wie JPG oder PNG umgewandelt werden. Das kann aber beliebig oft geschehen und die ursprünglichen Informationen bleiben erhalten. Fotos im üblicherweise benutzten JPG-Format sind komprimiert und mit Bildeffekten versehen. In diese Effekte haben die Smartphone-Hersteller in den vergangenen Monaten und Jahren unheimlich viel Energie investiert. So verwundert es nicht, dass zum Beispiel Samsung aus einem Sony-eigenen Sensor bei praktisch identischer Optik die besseren Fotos herausholt. Weil Samsung einfach mehr Geld und Zeit in die Entwicklung der entsprechenden JPEG-Optimierung gesteckt hat. Und so solltest du dich auch darüber nicht wundern, dass die RAW-Fotos in den meisten Fällen auf den ersten Blick schlechter aussehen, als ihre Pendants im JPEG-Format. Denn eben darauf verwendet man die meiste Energie: Selbst das mieseste Foto so darzustellen, dass das menschliche Auge dieses als „schön“ empfindet. Und dann haben wir von Beauty- und anderen Filtern noch gar nicht gesprochen, sondern nur davon, das Rohmaterial möglichst toll als JPEG zu verpacken.Wenn wir hier also Beispielfotos zeigen, dann sind diese Fotos bereits ins JPG-Format konvertiert. Insofern siehst du hier nur einen Vergleich von JPG zu JPG, bei dem das erste JPG automatisch durch die Software der Kamera entstand, das zweite JPG wurde hingegen vom Autor manuell aus dem RAW-Format erstellt. Du kannst dir die Rohdaten jederzeit von der Android-User-Homepage herunterladen (Link am Ende des Artikels) und selbst versuchen, ein noch besseres Ergebnis aus dem Rohmaterial herauszuholen.

Ist es ein Mehraufwand?

Aber lohnt es sich für den geneigten Smartphone-Fotografen überhaupt, seine Fotos ab sofort im Rohformat zu schießen oder kann man doch lieber beim allseits genutzten JPG-Format bleiben?Ich habe hier einmal den Vergleich angestellt, dazu das LG G4 zur Hand genommen und mit der geräteinternen Kamera-App ein paar Schnappschüsse bei schönem Wetter von unterschiedlichen Szenarien gemacht. Bei jedem geschossenem RAW-Bild fertigt das G4 zeitgleich eine JPEG-Kopie des Motivs an und speichert diese separat. RAW zu fotografieren bedeutet also nur einen Mehraufand beim internen Speicher. Bei meinen Motiven bzw. der maximalen Auflösung des LG G4 waren die RAW-Dateien je nach Bild 19 bis 20 MByte groß. Das einfache JPG bei 16 Megapixeln benötigt  knapp 5 MByte. Pro RAW-Foto musst du also mit 25 MByte rechnen (5 MByte fürs JPG, 20 für das DNG-BIld). Die Fotos stehen wie beim normalen Fotografieren sogleich als JPGs zum Teilen auf Social Media etc. bereit.Die RAW-Bearbeitung hingegen braucht Zeit. Denn die RAW-Bilder wirken aufgrund der fehlenden Bildverbesserungen allesamt ein wenig blass. Lasst uns doch einmal ein paar Bilder miteinander vergleichen. Die RAW-Aufnahmen wurden von mir nachträglich in Schärfe, Helligkeit, Kontrast, Bildrauschen und Farbintensität angepasst unter Zuhilfenahme von dem kostenlosen Programm RAW-Therapee.

Halle_VB Zaun_VB Rost_VB

Die einzelnen JPG-Aufnahmen wirken alle etwas zu dunkel und teils sogar etwas unscharf. All dies kann man zwar durch Nachbearbeitung ein wenig ausbessern, jedoch hat die automatische Bildkorrektur bereits ihre Änderungen fest ins Bild „gebrannt“.

GelbeBlumen_VB

In Bereichen, in denen Schatten den Ausschnitt dominieren, können sonst kaum sichtbare Objekte wie Äste und dergleichen wieder zum Vorschein gebracht werden. Im JPG verschwinden diese gern in Schwarz. Das Blau des Himmels wird durch automatischen Weißabgleich gern farblich verfälscht dargestellt. Auch hier kann RAW wieder punkten. Der korrekte Farbwert kann hervorgeholt werden und macht das Bild wieder deutlich authentischer.

Busch_VB

Die Unschärfe der JPG-Vergleichsbilder kann ebenfalls drastisch reduziert werden. Allerdings sollte man beim Fotografieren mit RAW noch mehr darauf achten, stillzuhalten. Mir gingen einige Motive dadurch verloren, dass ich im Moment des Auslösens ausatmete und somit sogar die RAW-Aufnahme verschwimmen lies. Bisher gab es für mich keine wirklich zufriedenstellende Möglichkeit, diese Unschärfe wieder auszubügeln. Also: Lieber ein Stativ verwenden oder ein fixiertes Handy per Sprachauslöser fotografieren lassen.

Baum_VB

Auch ist es mir nicht immer gelungen, wirklich stark überbelichtete Bildausschnitte oder Objekte wieder insoweit zu „reparieren“, als dass die Objektkonturen wieder vernünftig zum Vorschein kamen. Allerdings sei erwähnt, dass der Bildsensor diese Konturen sehr wohl festgehalten und gespeichert hat – hier wird der geneigte Fotograf mit Händchen für die Nachbearbeitung wohl einiges mehr rausholen können. Es benötigt schon einiges an Fingerspitzengefühl und Ahnung von und für die tausenden Möglichkeiten, die so ein RAW-Konvertierungs und -bearbeitungsprogramm zur Nachbearbeitung anbietet, um möglichst viel aus seinem Motiv herauszuholen. Aber die Arbeit lohnt sich.

 Wie lautet nun also mein Fazit?

Fotografieren in RAW ist eine tolle Möglichkeit, Bilder in ihrer reinen Form aufzunehmen, um sie im Nachhinein optisch aufzuhübschen. Eigentlich ist das auch notwendig, da das Motiv ansonsten viel zu „unfertig“ oder viel zu „verhübscht“ wirkt. Ist man erst einmal mit dem entsprechendem Programm (RAW-Therapee oder Adobe Lightroom) vertraut, lassen sich doch recht schnell schöne Ergebnisse erzielen.
Für jemanden, der „nur mal eben“ einen schönen Schnappschuss festhalten will, eignet sich aber nach wie vor das Foto im normalen JPG-Format am besten. Heutzutage liefern die automatischen Bildkorrekturen bei den meisten Geräten wirklich zufriedenstellende Bilder. Zudem haben wir uns an die grellen, überzeichneten Sonnenuntergänge etc. derart gewöhnt, dass man die Liebe zur RAW-Fotografie quasi erst wieder entdecken musst. Wenn genug Speicherplatz auf deinem Handy vorhanden ist, solltest du aber das RAW-Format nutzen: Ein JPG bekommst du auch so und wenn ein Foto mal besonders gut gelungen ist, dann kannst du das Bild im RAW-Format zusätzlich sichern und noch das letzte Quäntchen an Schönheit daraus herausholen. Sonst kippst du die DNG-Dateien halt einfach nach dem Urlaub in die Tonne.Natürlich ist klar, dass jemand, der wirklich professionelle Fotos anfertigen will, nicht zum Smartphone, sondern doch eher zu seiner DSLR greift. Ich für meinen Teil wäre glücklich, wenn Sony irgendwann einmal doch seine Restriktionen ändert und ich so auf meinem Z3C die Möglichkeiten der Camera2-API — und damit auch das RAW-Format — voll nutzen könnte.

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3 Kommentare

  1. Beim Nexus 5 wurde das seit Lollipop 5.0.0 versprochen. Was ist passiert? Nix.
    Wenigstens Hersteller wie Samsung bauen jz den RAW Support in ihre Flagschiffe S6/S6 Edge ein. Vielleicht kaufe ich mir die irgendwann aus Verzweiflung mal… Wenigstens habe ich dann mehr Bildqualität…

  2. Mit der Camera FV-5 oder L Camera kannst du schon lange auf dem Nexus 5 Fotos im RAW-Format speichern. Nur die Google-eigene Kamera beherrscht das nicht, das Nexus 5 hingegen schon.

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