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Tipp: Smartphonekameras vs. Systemkameras

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Gastbeitrag von Alexander Baetz von Sonntagmorgen

Egal, ob ein Gruppenselfie mit Freunden, ein Panoramabild in den Alpen oder ein Schnappschuss beim Geburtstag des Großcousins – eins ist klar: Smartphones sind als Allrounder-Kameras aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken.

Das bestätigen auch die Studien: Laut InfoTrends haben wir in 2017 rund 1,2 Billionen Bilder geschossen. Davon sollen ca. 85 Prozent (1,02 Billionen) mit Smartphones geknipst worden sein.

Verständlicherweise fragen sich deshalb viele Beginner, ob sich das Upgrade zu einer „richtigen“ Kamera lohnt. Spiegellose Systemkameras (im Folgenden einfach nur als „Systemkameras“ bezeichnet) sind dabei die besten Kamera-Typen. Sowohl für Amateur- als auch für Profi-Fotografen haben sie spätestens seit letztem Jahr die Spiegelreflexkameras vom Thron gestoßen.

Unter unserem Sonntagmorgen Systemkamera Test bekomme ich viele Fragen von enthusiastischen Knipsern, die tiefer in die Welt der Fotografie einsteigen möchten: Lohnt sich eine Systemkamera für mich? Oder soll ich mein Erspartes lieber in eine ordentliche Smartphone-Cam investieren?

Genau dieser Frage widme ich mich in diesem Gastbeitrag. Nachdem ich dir die wichtigsten technischen Unterschiede erkläre, zeige ich, ob eine Smartphone-Kamera oder eine Systemkamera die bessere Wahl für dich ist. Wer von diesem Technik-Kram nichts hören möchte, kann gerne direkt zur übersichtlichen Pro-Contra-Tabelle im Fazit springen.

Die technischen Unterschiede zwischen Smartphones und Systemkameras

Bevor wir uns die wichtigen Unterschiede im Detail ansehen, kann ich dir bereits das bestätigen, was du wahrscheinlich bereits vermutest:

Smartphone-Kameras werden immer besser und Alltags-Schnappschüsse sind mittlerweile kaum noch von denen einer Systemkamera zu unterscheiden. Seit der Vorstellung des ersten Nexus One vor 9 Jahren haben die Kameras der kleinen Wunder-Geräte einen enormen Sprung nach vorne gemacht.

In den kommenden drei Kapiteln erkläre ich, in welchen Bereichen du bei Handyfotos mit Abstrichen rechnen musst – und in welchen nicht. Dafür habe ich das RAW-Format, die Blende und die Megapixel der beiden Kamera-Typen in den Fokus gerückt.

Das RAW-Format: Mittlerweile auch bei den meisten Smartphones zu finden

Fangen wir mit dem Unterschied an, der mittlerweile gar keiner mehr ist: dem Aufnahmeformat der Bilder. Bis vor kurzem konnten Smartphones Bilder lediglich in JPG aufnehmen. Das hat sich jedoch geändert und bei allen aktuellen Geräten sind mittlerweile RAW-Fotos möglich. Aber was ist dabei überhaupt der generelle Unterschied?

Bilder in JPG sind dir vermutlich schon oft über den Weg gelaufen. Hierbei handelt es sich um das klassische Aufnahmeformat, in dem Smartphones, Kameras, Gopros und Co. Bilder standardmäßig knipsen. Der Vorteil am JPG-Format ist, dass die Bilder aufgrund der Komprimierung vergleichsweise wenig Speicherplatz in Anspruch nehmen. Trotzdem enthalten sie – je nach Komprimierungsgrad – so viele Details wie die Kamera hergibt.

Bei Bildern im RAW-Format werden, vereinfacht ausgedrückt, die gesamten Informationen des Sensors gespeichert. Im Gegensatz zum JPG-Format wird hier also nicht komprimiert. Der Vorteil dabei zeigt sich hauptsächlich bei der Nachbearbeitung. So kannst du Informationen aus deinen Aufnahmen herausholen, die du auf dem unbearbeiteten Bild gar nicht siehst. Zum Beispiel ist es möglich, dass du unterbelichtete Bereiche des Fotos aufhellst, sodass vorher verborgene Details zum Vorschein kommen.

Dieser Unterschied im Bearbeitungsspielraum schlägt sich auch in der Dateigröße nieder. Als Faustregel kannst du dir merken, dass JPG-Aufnahmen rund 3 Mal kleiner sind als Bilder im RAW-Format. Beispielsweise ist ein RAW-Foto meiner Sony Alpha 7 III rund 24 MB groß, während ein JPG-Bild in der Standard-Qualität lediglich 7 MB beansprucht. 

Aber genug technisches Fachchinesisch. Was bedeutet das für deine Kamerawahl?

Bei Smartphones ist der Unterschied zwischen Bildern in JPG und RAW nicht so groß, wie bei einer Systemkamera. Mit den meisten aktuellen Handys kannst du zwar ebenfalls Bilder in RAW schießen, jedoch hast du hier aufgrund des kleineren Sensors einen geringeren Bearbeitungsfreiraum, als bei einer Systemkamera.

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Der Bearbeitungsfreiraum einer Systemkamera: Bei diesem Sonnenuntergang konnte ich dank des RAW-Formats noch so einiges herausholen

Die Blende: Lichtstärke von Smartphones und Systemkameras im Rampenlicht

Die Blende beschreibt die Öffnung des Objektivs und wird normalerweise mit einer „F-Angabe“ (wie z.B. F2.8 oder F4.0) ausgedrückt. Mit ihr kannst du bestimmen, wie viel Licht auf den Sensor einer Kamera fällt. Vereinfacht ausgedrückt bringt dir eine große Offenblende die folgenden beiden Vorteile:

  • Deine Bilder sehen „hochqualitativer“ aus: Durch eine große Offenblende kommt mehr Licht auf deinen Sensor. Dadurch kannst du eine niedrigere Sensor-Empfindlichkeit (ISO) oder eine kürzere Belichtungszeit wählen. Das führt wiederum dazu, dass deine Bilder weniger rauschen oder nicht so schnell verwackeln.

  • Du erhältst mehr Hintergrundunschärfe: Bist du auch jedes Mal von diesem besonderen Bildeffekt beeindruckt, wenn du Fotos von „Profi-Fotografen“ siehst? Das liegt in der Regel an der großen Hintergrundunschärfe (auch „Bokeh“ genannt). Diese erhältst du nur, wenn du ein offenblendiges Objektiv mit einem großen Sensor kombinierst.

So tolle Ergebnisse kannst du auf natürliche Art und Weise nur mit Systemkameras erzielen. Bei Smartphones ist das technisch gesehen nicht möglich, da die Blende der winzigen Optiken viel zu klein ist. 

Jedoch holen Smartphones auch in diesem Bereich auf. Alle aktuellen Geräte bieten dir eine Bokeh-Simulation an, mit der du die Hintergrundunschärfe digital nachahmen kannst. Diese ist in den letzten Jahren durch zusätzliche Rechenpower und künstliche Intelligenz immer besser geworden. Hier ein Beispielfoto eines aktuellen Smartphones.

Ohne hier noch weiter auf die technischen Details einzugehen, will ich dir aber noch etwas ans Herz legen: Schenke dem Marketing der Smartphone-Hersteller nicht allzu viel Beachtung. Wenn du ernsthaft Portraits mit einer schönen Hintergrundunschärfe schießen möchtest, kommst du mit der Bokeh-Simulation schnell an die Grenzen. Deshalb greifst du für solche Einsatzzwecke am besten zu einer (Spiegelreflex- oder) Systemkamera.

Die Megapixel: Was sagen sie über die Bildqualität aus?

Wenn du zu den zahlreichen Fotografen gehörst, die sich diese Frage stellen, gebe ich dir folgenden Tipp: Die Anzahl der Megapixel ist nur einer von vielen Faktoren für die Bildqualität und wird meistens total überbewertet!

Ein kleines Beispiel gefällig? Bereits vor 6 Jahren gab es das Nokia Lumia 1020, das mit satten 41 Megapixeln aufwartete. Zu seiner Zeit war es eins der besten Kamera-Smartphones. Würdest du den „Uropa“ jedoch heute gegen ein Pixel 3 (12,2 Megapixel), ein Galaxy S10 (16 Megapixel) oder ein Oneplus 7 Pro (48 Megapixel) antreten lassen, würdest du ernüchternd feststellen: Megapixel sind nur einer von vielen Faktoren, wenn es um die Bildqualität geht.

Was ist also der wichtigste Faktor bei der Bildqualität? Meine Antwort: Der Sensor und das Objektiv. Da ich dem Objektiv bereits ein paar Zeilen gewidmet habe, erkläre ich dir jetzt die wichtigsten Eckpunkte zum Sensor einer Kamera.

Der Sensor ist dafür verantwortlich, dass das einfallende Licht in ein digitales Bild umgewandelt wird. Der ausschlaggebende Punkt dabei: Die Größe des Sensors. Je größer seine Oberfläche, desto mehr Licht kann er einfangen. Das führt im Endeffekt dazu, dass deine Bilder eine bessere Qualität haben.

Können die Smartphone-Kameras in diesem Bereich mit Systemkameras mithalten? Ein klares Nein! Auch die größten technischen Fortschritte können die physikalischen Gesetze nicht außer Kraft setzen. Ein winziger Smartphone-Sensor nimmt deutlich weniger Licht auf, als der riesiger Sensor einer Premium-Systemkamera, wie beispielsweise der Sensor der Sony Alpha 7 III.

Veranschaulichen wir das einmal an einem Beispiel: Der bereits überdurchschnittlich große Sensor des Google Pixel 3’s hat eine Oberfläche von rund 24,7 mm². Der Sensor einer Spiegelreflex- oder Systemkamera mit Vollformat-Sensor hat mit 864 mm² eine 35 Mal größere Oberfläche.

In der Theorie erlaubt dieser Sensor, dass du mehr aus deinen Bildern herausholst. In der Praxis werden die augenscheinlichen Unterschiede (zumindest bei Tageslicht) jedoch immer geringer. Hier siehst du zwei Beispielbilder in 400 prozentiger Vergrößerung. Erkennst du den Unterschied? Sieh dir die beiden Fotos ganz genau an, bevor du einen Blick in die Bildunterschrift wirfst.

Wann solltest du dich für eine Smartphone-Kamera entscheiden?

Nach diesen ganzen technischen Unterschieden kommen wir nun zu der alles entscheidenden Frage: Lohnt sich eine Systemkamera überhaupt für dich? Wie so oft hängt das von dir und deinen individuellen Ansprüchen ab. Meine persönliche Erfahrung ist jedoch die Folgende: Obwohl ich ein großer Kamera-Fanatiker bin, muss ich gestehen, dass ich immer mehr Gelegenheits-Fotografen zu einem Smartphone rate. 

Ein bekannter Fotograf aus dem 20. Jahrhundert (Elliott Erwitt) sagte einmal: „Die beste Kamera ist gerade die, die man dabei hat.“ Genau das macht dein Smartphone zu einer so wertvollen Kamera: Du hast sie einfach immer dabei. Das mit dem Akkuladen ist noch einmal eine andere Sache.

Das perfekte Foto-Smartphone zu finden ist dabei jedoch gar nicht so einfach. Wie du bereits gelernt hast, solltest du dabei nicht blind auf irgendwelche Megapixel-Angaben oder Marketing-Slogans vertrauen. Ich empfehle dir deshalb Testberichte der Smartphones anzusehen, um das optimale Modell für deine Anforderungen zu finden. 
Was ist meine favorisierte Anlaufstelle, um das herauszufinden? Neben android-user.de bin ich ein großer Fan von DxOMark – einer amerikanischen Website, die sich auf das Testen von Kameras unter laborbedingungen spezialisiert hat und seit einigen Jahren auch die Bilder von Smartphones auf Herz und Niere prüft.

Wann solltest du dich für eine Systemkamera entscheiden?

Zu einer Systemkamera rate ich dir, wenn du dich in Zukunft tiefer in die Fotografie stürzen willst. Neben der besseren Bildqualität bieten dir Systemkameras diese beiden großen Vorteile: Die Möglichkeit das Objektiv zu wechseln und eine bessere Handhabung.

Durch verschiedene Optiken kannst du deine Kamera an unterschiedliche Situationen anpassen.

Das ist eine wichtige Voraussetzung, wenn du dich in Zukunft auf eine spezifische Art der Fotografie (Portraits, Wildlife, Sport, Events etc.) konzentrieren möchtest. Ich habe nachgezählt und bin beispielsweise auf über 220 Objektive für die Sony Alpha 6000 gekommen.

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Durch zusätzliche Objektive kannst du deine Kamera an deine eigenen Bedürfnisse anpassen

Ganz egal, wie sehr sich die Bildqualität von Smartphones in den kommenden Jahren an Systemkameras annähert:

Ambitionierte Fotografen wie ich wollen ihre Kamera voll unter Kontrolle haben. Das geht nur mit zahlreichen Knöpfen und Rädchen. Mal ganz abgesehen davon, liegt eine Systemkamera auch deutlich besser in der Hand und vermittelt eine ganz andere Professionalität.

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Systemkameras bieten dir zahlreiche Bedienelemente – nur durch diese hast du die volle Kontrolle über deine Kamera

Fazit: Alle Vor- und Nachteile auf einen Blick

Als Abschluss habe ich die wichtigsten Unterschiede noch einmal für dich komprimiert (wie die Bilder im JPG-Format). Hier sind die jeweiligen Vorteile der beiden Kamera-Typen:

Vorteile einer Systemkamera

  • Bessere Bildqualität (da größerer Sensor)
  • Anpassbarkeit und Flexibilität (da Wechselobjektive)
  • Volle Kontrolle (da zahlreiche Bedienelemente)

Vorteile einer Smartphone-Kamera:

  • Hosentaschenfreundlich
  • Einfache Bedienung
  • Du kannst Bilder direkt auf sozialen Netzwerken und Co. teilen

Mir ist klar, dass ich dir in diesem Beitrag alles andere als eine glasklare Kaufempfehlung gegeben habe – das war jedoch Absicht und dazu stehe ich weiterhin. Jeder von uns hat seine ganz eigenen Anforderungen und deshalb möchte ich dir keinen allgemeingültigen Ratschlag geben. Trotzdem habe ich eine Faustregel für dich. Damit du diese anwenden kannst, musst du mir (bzw. dir selbst) jedoch zuerst zwei Fragen beantworten:  

  1. Willst du in Zukunft auf professionellem Niveau fotografieren?

  2. Kannst du dir vorstellen, dass du dich in den kommenden Jahren zu einem leidenschaftlichen Hobby-Fotografen entwickelst?

Wenn du beide Fragen mit einem klaren „Nein“ beantwortest, solltest du deine gesparten Euronen lieber in ein ordentliches Kamera-Smartphone investieren. Solltest du eine oder sogar beide der Fragen mit „Ja“ beantwortet haben, empfehle ich dir den Griff zu einer Systemkamera.

Jetzt interessiert mich deine Meinung: Fotografierst du ausschließlich mit deinem Smartphone oder denkst du, dass ernsthafte Fotos nur mit einer „richtigen“ Kamera entstehen können? Ich freue mich darauf, mit dir in den Kommentaren zu diskutieren!

Über den Autor: Alex von Sonntagmorgen.com sieht mehr als nur schwarz-weiß und ist bei Sonntagmorgen verantwortlich für sämtliche Themen rund um Kameras und die Fotografie. Seit 2016 fotografiert er nebenberuflich internationale Mountainbike-Rennen, Hochzeiten und andere Events. Außerdem ist er ein enthusiastischer Technik-Nerd, weshalb er für dich immer genau die richtigen Fakten in seinen Fokus rückt.


1 Kommentar

  1. Danke, dass ich einen Artikel für euch schreiben durfte! Hat mir persönlich super viel Spaß gemacht die beiden Kamera-Typen unter die Lupe zu nehmen.

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