1. Juli 2022
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Wenn Google mehr über dich weiß als deine eigene Ehefrau: Kommentar zum Europäischen Datenschutztag

Der 28. Januar gilt in Europa seit einigen Jahren als Tag des Datenschutzes. Doch von einem Feiertag kann hier keine Rede sein, denn allzu viele Leute und Firmen nehmen es mit dem Datenschutz nicht allzu streng, halten ihn vielleicht sogar für ein Relikt des 20. Jahrhunderts.

Am 28. Januar 1981 wurde von den damaligen Mitgliedstaaten des Europarats die Europäische Datenschutzkonvention unterzeichnet. Heute halten sich offiziell 38 Staaten innerhalb Europas an diese Konvention und der 28. Januar gilt deshalb als Europäischer Datenschutztag. „Gefeiert“ wird dieser Tag auch in den USA und Kanada als International Data Privacy Day. Doch worum geht es beim Datenschutz überhaupt und was hat das Thema mit Android zu tun?

Wer schützt wen, und vor allem wovor?

Es gibt Dinge, die darf zwar jeder wissen, aber die muss nicht jeder wissen. Zum Beispiel wo du wohnst, welche Telefonnummer du hast, wer deine besten Freunde sind, welche Bücher und Filme du am meisten liebst und wo du letzten Sommer im Urlaub warst. Dann gibt es Dinge, die musst du an gewisse Personen bekanntgeben, sollte aber nicht jeder wissen. Zum Beispiel, wie viel du verdienst, welches Auto du fährst, ob du Schulden hast oder ob du einer religösen Gemeinschaft angehörst.

Es gibt aber auch Informationen über dich, die sollte außer dir niemand oder nur ein sehr kleiner Kreis von Personen wissen: Zum Beispiel, ob du an einer gefährlichen Krankheit leidest, ob und wie du schon mal gegen das Gesetzt verstoßen hast, welche sexuellen Praktiken und Partner du bevorzugst, welche Drogen du zu dir nimmst und ob du davon abhängig bist, ob man dich leicht in Rage versetzen kannst, ob du zu Suizidgedanken neigst, anfällig für religiöse Extremansichten bist und vieles mehr.

Die Informationen über dich kannten bis vor rund 30 Jahren nur wenige Personen und staatliche sowie private Organisationen. Seitdem du im Internet bist, kann praktisch jeder an diese Informationen gelangen, so sieht’s aus.

Google kennt dich besser als du denkst!

Google steht hier stellvertretend für jede größere Firma im Internet aber auch stellvertretend für diverse „Schnüffelfirmen“ und Geheimdienste, die auf legale oder illegale Weise an die gleichen Informationen herankommen, wie sie Google & Co. zur Verfügung stehen. Du glaubst nicht, dass Google dich besser kennt, als deine Partnerin/dein Partner? Dann lies dir mal diesen Artikel zur Location History von Google durch oder wirf einfach mal einen Blick auf deine persönliche History-Seite bei Google: history.google.com/history/ Je nachdem, ob du jemals etwas an den Privatsphären-Einstellungen von Google geändert hast und je nachdem, wie intensiv du die einzelnen Google-Dienstleistungen einsetzt, findest du hier nicht nur eine Auflistung sämtlicher Begriffe und Webseiten, die du jemals via Google gefunden hast, sondern auch Informationen zu Videos, Büchern, Blogs, Reisen, Finanzen und was du gerade so im Internet eingekauft hast. Diese Daten kennt Google alle über dich. Auch wann du vor dem Rechner besonders aktiv bist, weiß Google auf die Stunde genau. Und auch wenn ich persönlich Google insofern halbwegs vertraue, dass die Firma diese Daten nicht missbraucht, habe ich kein gutes Gefühl dabei, wenn ich dieses geballte Wissen über mich so zentral bei einer privaten Firma gespeichert sehe.

Am Montag google ich am meisten. Ist ja klar, weil ich dann die Artikel für die ganze Woche plane :-)
Am Montag google ich am meisten. Ist ja klar, weil ich dann die Artikel für die ganze Woche plane :-)

Du hast kein Problem damit? Dann schick mir bitte die Zugangsdaten zu deinem Google-Account, damit ich mich in deiner History etwas umschauen kann. Ich bin mir sicher, aus den gesammelten Informationen einen schönen Roman schreiben zu können.

Doch nicht nur Google hat diese Daten. Auch Facebook, die NSA, der Bundesnachrichtendienst, dein Internetprovider und viele, viele weitere Firmen verfügen über annähernd gleich gute oder sogar noch bessere Daten über dich. Facebook dadurch, dass praktisch jede Seite im Internet irgendwo einen Like-Button eingebaut hat. Wenn du also nicht wie ich für Facebook einen separaten Browser benutzt (sic!), dann bekommt Facebook all deine Webseitenbesuche mit. Die NDA deshalb, weil ein großes dickes Kabel durch den Ozean Europa mit Amerika verbindet und man dort alle(!) Daten mitschneidet und der BND, weil er mit der NSA unter einer Decke schläft.

Und die vielen weiteren Firmen? Das sind die Apps mit ihren Reklamenetzwerken und eingebauten Mechanismen, um persönliche Informationen zu lesen. Viele dieser Informationen werden unverschlüsselt über das Internet übertragen, sodass es ein Leichtes ist, an die Daten zu gelangen. Irgendein App-Entwickler kommt dann auf die Idee, diese Daten zu verkaufen, und schon wunderst du dich, warum du auf einmal seltsame SPAM-Nachrichten bekommst, die ein Stückweit zu dir passen…

Tod der Privatsphäre?

Datenschutz hat viel mit Privatsphäre zu tun. Es ist mir eigentlich scheißegal, wenn die NSA herausfindet, dass ich auf Androiden stehe und eine „Open-Source-Vergangenheit“ besitze. Schließlich habe ich selbst diese Infos ins Netz gestellt und jeder, der eine Suchmaschine bedienen kann, findet diese Informationen auch selbst in ein paar Minuten heraus. Auch eine Handynummer von mir steht im Netz, weil ich als Betreiber einer Webseite im Impressum dazu verpflichtet bin, eine Telefonnummer anzugeben und keinen Festnetzanschluss besitze. Oder vielleicht doch, aber die Nummer nicht preisgeben möchte, damit mich Karl nicht am Sonntag Abend zur Tatort-Zeit zu Hause anruft, weil er grad sein Galaxy S4 gebrickt hat? Und vielleicht habe ich ja noch eine andere Handynummer, unter der mich meine Freunde 24 Stunden am Tag im Notfall erreichen. Genau das ist Privatsphäre und genau diese Informationen sollte eben nicht jeder wissen.

Sind nun Google und Facebook böse?

Nein, sind sie nicht. Aber wir sind dumm und faul. Du und ich, die Nutzer. Dumm, wenn wir Informationen ins Netz stellen ober übers Internet teilen, die dort nicht hingehören. Faul, weil wir das Kleingedruckte bei der Installation einer App oder bei der Registrierung für einen Online-Dienst nicht komplett lesen und verstehen möchten. Denn im Internet gibt es nun mal keine Privatsphäre, das solltest du wissen. Und wenn es sie gibt, dann ist der Aufwand, um sie aufrechtzuerhalten so groß, dass du es lieber gleich vergisst. Oder mit anderen Worten: vertraue keinem Dienstleister, keiner Chat-App, keinem Online-Fotoentwicklungslabor, einfach niemandem. Ein Computer hat keine Ahnung, was sensible Daten sind. Wenn du das verstanden hast, dann wirst du ziemlich sicher auch keine bösen Überraschungen erleben.

Und weil wir dumm und faul sind, genau deshalb ist es wichtig, dass sich öffentliche Stellen für einen bestmöglichen Datenschutz im Internet einsetzen. International, nicht national! Mann, was rege ich mich auf, wenn irgendwo wieder über Online-Datenschutzregelungen für Deutschland, Österreich oder die Schweiz diskutiert wird. Dann kann man ja gleich anfangen, für jedes Bundesland eigene Datenschutzregelungen einzuführen.

„Also wenn man sich in Bayern für einen Newsletter registrierst, dann darf die Bayrische Webseite die Checkbox

[x] Gerne auch Reklame

aktiviert haben, aber in Baden-Württemberg ist das illegal. Dabei hängt es aber davon ab, ob der Besucher aus Berlin oder Hessen stammt.“

Das ist doch alles quatsch, richtig? Aber genau so denken viele Politiker über das Internet. Anstatt einen Schritt weiterzudenken und dann noch einen und noch einen. In puncto Datenschutz und Privatsphäre sollten die gleichen Standards für alle verbindlich sein, und es sollten hohe Standards sein.

Jetzt bin ich genauso schlau wie am Anfang des Artikels…

Dann habe ich einen schlechten Text geschrieben und versuche das hier noch gutzumachen: Datenschutz im Internet gibt es nicht, weil das Internet ein globales, weltweites System ist und auf jedem Kontinent, in jedem Land, in jedem Kulturkreis andere Auffassungen darüber herrschen, was unter Datenschutz und Privatsphäre zu verstehen ist und deshalb auch die Gesetze und Gewohnheiten komplett unterschiedlich sind.

Und genau deshalb, weil das so ist, braucht es Datenschützer, die sich aktiv für einen möglichst guten „Schutz der Faulen und Dummen“ einsetzen, dabei global denken und mit anderen Datenschützern weltweit zusammen auch global agieren. Dabei sind schon kleine Schritte ein Erfolg, zum Beispiel, dass du nicht akzeptieren musst, dass die allgemeinen Geschäftsbedingungen nicht auf Deutsch übersetzt sind. Wenn eine Firma in Deutschland Geschäfte machen will, dann soll sie gefälligst auch die AGBs übersetzen lassen, etc.

Du willst deinen eigenen Beitrag dazu leisten? Dann lies das nächste Mal bei der Installation einer App das Kleingedruckte durch und beschwere dich beim App-Entwickler, wenn die AGBs nicht auf Deutsch verfügbar sind.

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