Start Im Test Im Test: Gigaset ME GS55-6 – Designed in Germany

Im Test: Gigaset ME GS55-6 – Designed in Germany

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Mit dem Gigaset ME gelang der ehemaligen Siemens-Tochter auf der IFA 2015 ein kleiner Coup: Ein top Smartphone aus deutscher Designfeder, das mit der Ausstattung der Spitzenmodelle von Samsung und Apple mithalten kann. Seit September ist einige Zeit vergangen und Gigaset Sponsor des FC Bayerns geworden. Wir haben uns das Mia-san-Mia-Smartphone genauer angeschaut.

Smartphone-Hersteller haben es nicht leicht: Gerade im Oberklasse-Segment entscheiden oft nur wenige Sekunden darüber, ob jemand zum Modell A oder zum Modell B greift. Denn bereits beim ersten in die Hand nehmen entscheidet sich das Gehirn für den Favoriten, auch wenn uns das nicht immer bewusst wird. Doch wie schafft man einen solchen Favoriten, ein top Smartphone, das jeder haben möchte? Die Chinesen haben es beim Gigaset ME auf zwei Arten versucht: Sehr gute Spezifikationen und ein Label „Designed in Germany“.

Denn mit Deutschland teilt das Smartphone quasi genauso viele Gemeinsamkeiten wie das iPhone mit den USA, ja sogar noch etwas weniger.

Das Gigaset ME ist gut ausgestattet. neben Fingerabdrucksensor, Dual-Flash und Pulsmesser ist auch ein IR-Blaster mit an Bord.
Das Gigaset ME ist gut ausgestattet. neben Fingerabdrucksensor, Dual-Flash -Kamera und Pulsmesser ist auch ein IR-Blaster mit an Bord (ganz links auf der Oberseite).

Hinter dem bekannten Namen steckt seit Anfang 2015 ein chinesischer Investor, der die Namensrechte an Gigaset für knapp 30 Millionen Euro übernommen hat und auch eine klare Mehrheit an den Aktien besitzt.  Für ihn gilt nur eines: Die Chinesen sollen das Smartphone und den Namen in Verbindung mit Europa und vor allem mit Deutschland bringen.

„In China soll man das Smartphone als deutsches Produkt wahrnehmen.“

Denn damit lässt sich in China durchaus Geld verdienen, schließlich besitzen nicht nur Autos aus Deutschland einen guten Ruf, sondern sämtliche Produkte „Made in Germany“. Dass das Gerät dann auch noch im Heimatland China produziert wird, sorgt für ein zusätzliches Verkaufsargument.

Auf der Unterseite gibt es den inzwischen bei vielen Herstellern typiscen Grill mit einem Mono-Speaker, Mikrofon und USB Type C in der Mitte.
Auf der Unterseite gibt es den inzwischen bei vielen Herstellern typiscen Grill mit einem Mono-Speaker, Mikrofon und USB Type C in der Mitte.

Wer die Story hinter dem Smartphone nicht kennt, versteht zunächst gar nicht, warum ein praktisch unbekannter Investor aus China solche Summen für ein neues Smartphone hinblättert, von dem er hierzulande vielleicht gerade mal ein paar Tausend Stück verkauft. Doch wie oben erwähnt, ist das dem Investor egal, ihm geht es einzig um den Ruhm und die Ehre im Heimatmarkt China. Denn auch dort ist das Gigaset ME im Unterschied zu Xiaomi-, Oppo- oder Meizu-Smartphones kein Schmankerl, „Designed in Germany“ will bezahlt sein.

Ohne Wenn und Aber

Doch zurück zum eigentlichen Topic, dem Gigaset ME. Der relativ hohe Preis von 469 Euro ist durchaus gerechtfertigt. So bringt das Gigaset ME nicht nur den Snapdragon 810 und 3 GByte RAM unter der Haube mit, auch USB Type C, 32 GByte interner Speicher und ein schönes 5-Zoll-Display mit Full-HD-Auflösung sind im Smartphone verbaut. Mit aktuellen Flaggschiffen kann das Gerät freilich nicht mehr mithalten, aber zur IFA im September 2015 war es durchaus noch top, zumal es auch über einen Fingerabdruck-Sensor, einen Pulsmesser und einen starken 3000-mAh-Akku verfügt.

Die 16-MP-Kamera mit dem Dual-Blitz (rechts) und dem Puls- und UV-Messgerät (links).
Die 16-MP-Kamera mit dem Dual-Blitz (rechts) und dem Puls- und UV-Messgerät (links).

Das Gigaset ME ist zudem Dual-SIM-fähig, man kann es also mit zwei SIM-Karten (1x Nano, 1x Micro) bestücken oder mit einer Nano-SIM und einer microSD-Karte. Über einen Hack lässt sich diese Einschränkung auch umgehen.

Beim Erweiterungsschacht handelt es sich um einen Hybrid-Slot mit Dual-SIM oder SIM plus microSD-Karte.
Beim Erweiterungsschacht handelt es sich um einen Hybrid-Slot mit Dual-SIM oder SIM plus microSD-Karte.

Der erste Eindruck fällt auch deshalb sehr positiv aus, weil sich in der Box nicht nur das Smartphone selbst, ein Ladegerät und ein USB 2.0 auf USB-Type-C-Kabel befinden, sondern auch ein hochwertiges Headset. Last but not least weiß auch der Fingerprint-Reader zu gefallen, der sich auf der Rückseite des Geräts unterhalb der Kamera befindet. Er weckt das Gerät durch ein einmaliges Drauflegen des Fingers aus dem Standby und schaltet auch gleich die Bildschirmsperre aus, wie sich das gehört. Auf Apps kaufen via Fingerprint muss man allerdings noch verzichten, dieses Feature wird erst mit Marshmallow verfügbar sein.

Apropos Marshmallow: Der Hersteller hat ein entsprechendes Update angekündigt, was er aber eigentlich gar nicht darf, bevor die Software bei Google zur Freigabe war. Dieses „Versprechen“ ist mit Vorsicht zu genießen, weil für Gigaset der deutsche Markt selbst nicht relevant ist, nur das Designed-in-Germany-Image. Im Heimatland China hingegen legt man deutlich weniger Wert auf Updates. Verlassen würde ich mich deshalb auf das Update-Versprechen nicht.

Persönlich ist mir das Gigaset ME durch die Rückseite aus 2.5D-Glas zu rutschig, aber wie schon beim Nexus 4 und vielen weiteren Android-Smartphones mit Glas-Rückseite lässt sich dieses Problem über ein entsprechendes Case lösen. Das ist auch so empfehlenswert, damit das Smartphone einen Sturz von der Tischkante auf den Küchenboden überlebt.

Tolle Software inklusive Updates

Ich testete das Gigaset ME mit der Software-Version vom 21. Januar. Das Update kam per OTA und brachte einige wichtige Bugfixes mit, gerade was die Dual-SIM-Nutzung anbelangt.

Über den perfekten Launcher lässt sich streiten. Gigaset hat sich bei seinen neuen Android-Smartphones für einen Launcher ohne gesonderten App-Drawer entschieden. Alle Apps landen also direkt auf einem der Homescreens. Es ist aber problemlos möglich, seinen Lieblingslauncher zu installieren und zu benutzen.

 

Anfang Februar erhielt das Gigaset ME ein größeres Bugfix-Update.
Anfang Februar erhielt das Gigaset ME ein größeres Bugfix-Update.

Gigaset hat auf Bloatware weitgehend verzichtet, dafür gibt es aber für alle zentralen Funktionen eigene Apps: Einen eigenen Musikplayer, eine simple Galerie, ein Sicherheitstool, eine Health-App und ein Dateimanger finden sich unter den Apps. Es ist also alles da, was man so braucht, aber keine App mehr. Sämtliche Google-Apps befinden sich zudem bereits gesondert in einem Ordner auf dem Home-Screen. Als „Bloatware“ sind nur Evernote, der Kindle Reader und eine Office-Suite mit an Bord. Alle drei lassen sich spurlos deinstallieren. Die App-Icons halte sich somit in Grenzen.

Neu installierte Apps markiert der Launcher mit einem roten Punkt. Als Bloatware (oberste Reihe) sind lediglich vier Apps installiert.
Neu installierte Apps markiert der Launcher mit einem roten Punkt. Als Bloatware (oberste Reihe) sind lediglich vier Apps installiert.

Vorbildlich hat Gigaset den Support gelöst. Es gibt dafür eine eigene App „Telefonservice“, die auch das Handbuch und einen Selbsttest enthält. Zudem findet sich darin zu jeder Gigaset-App eine kurze Gebrauchsanweisung.

Die Kundendienst-App bietet zahlreiche Hilfestellungen und einen schlichten Hardwaretest.
Die Kundendienst-App bietet zahlreiche Hilfestellungen und einen schlichten Hardwaretest.
Zu sämtlichen von Gigaset entwickelten Apps gibt es eine Kurzanleitung.
Zu sämtlichen von Gigaset entwickelten Apps gibt es eine Kurzanleitung.

Wirklich positiv überrascht war ich von der eigenen Fitness-App, die Google Fit oder Samsung Health in fast nichts nach steht. Als besonderes Schmankerl bietet das Gigaset-Smartphone über den Pulsmesser auch einen UV-Sensor an.

Die Fitness-App ist sehr schön gemacht.
Die Fitness-App ist sehr schön gemacht.
Das Gigaset ME kann dich auch vor allzu hoher UV-Strahlung warnen.
Das Gigaset ME kann dich auch vor allzu hoher UV-Strahlung warnen.

Kamera nur Durchschnitt

Mit seiner 16-Megapixel-Kamera und dem Dual-Blitz macht das Gigaset ME ordentliche Bilder, kann sich aber nicht von guten Smartphones im 300-Euro-Segment wirklich absetzen und bleibt klar hinter den Top-Kameras von Samsung, Huawei (P8, Nexus 6P) oder LG (Nexus 5X, LG G4) zurück. Das gilt auch für die 8-MP-Frontcam.

Eigentlich sind alle Blumen auf dem Foto gleich "lila". In Der Mitte stimmt die Farbe auf dem Foto nicht.
Eigentlich sind alle Blumen auf dem Foto gleich „lila“. In Der Mitte stimmen die Farben auf dem Testfoto nicht.

Vor allem mit der Farbtreue nimmt es die 16-Megapixel-Cam nicht allzu genau, bei Videos sind zudem am Rand ab und zu grüne Artefakte zu sehen, wie man es von typischen MPEG-Komprimierungsfehlern her kennt.  Überraschenderweise nimmt die Gigaset-eigene Kamera-App Videos mit maximal 2K auf, obwohl das verbaute CPU/GPU-Gespann auch mit 4K-Filmen klar kommt. In 720p lassen sich zudem auch Slomo-Videos drehen.

Die Gigaset-eigene Kamera-App dreht Filme maximal in 2K-Auflösung.
Die Gigaset-eigene Kamera-App dreht Filme maximal in 2K-Auflösung.

Abhilfe schafft hier eine extra App, zum Beispiel Open Camera, mit der sich auch 4K-Videos in der üblichen Beschränkung von 5 Minuten Dauer drehen lassen. In den Tests wurde das Gigaset ME dabei zwar wärmer als üblich, aber nicht unangenehm heiß. Hinsichtlich des Snapdragon 810 und Überhitzung gibt es beim Gigaset-Smartphone also keine Probleme, auch die Performance stimmt, was die knapp 70.000 Zähler bei AnTuTu beweisen. Falls du dich für die kompletten Benchmark-Resultate des Gigaset ME interessierst, dann findest du diese in unserer Gerätedatenbank.

Abgesehen davon leistet die 16-MP-Kamera ordentliches, und die meisten Schnapschüsse gelingen auf Anhieb. Als Kamera-Smartphone würde ich das Gigaset ME aber definitiv nicht positionieren.

NFC fehlt, Sound zu matschig

Auf NFC müssen Besitzer des Gigaset ME verzichten. Das ist — falls man sich dessen bewusst ist — verschmerzbar, sollte aber bei einem Smartphone über 400 Euro eigentlich nicht passieren. Die Kamera machte zudem in den Tests nicht immer den besten Eindruck: Makro-Aufnahmen bekommt das Objektiv nicht wirklich hin und auch mit den Farben nimmt es der verbaute Sensor nicht immer ganz so ernst. Zudem wackelt der SIM-Slot ganz leicht, was in dieser Preisklasse ebenfalls nicht passieren darf.

Gigaset hebt den sehr guten Klang des Geräts hervor. Das stimmt auch tatsächlich: Für einen Mono-Speaker stimmt die Musikleistung und die Lautstärke bei Anrufen absolut. Allerdings ist die Wiedergabe über Kopfhörer stark digital bearbeitet, egal welchen Musikplayer man benutzt. Es klingt, wie wenn Dolby Digital Surround permanent aktiv wäre. Ich habe in den Tests keine Möglichkeit gefunden, diese Soundeinstellungen zu ändern. Mag sein, dass die meisten Nutzer auf möglichst viel Bass kombiniert mit etwas Surround stehen, persönlich finde ich einen cleanen Sound ohne Effekte besser.

Die Akkulaufzeit ist solide aber nicht überragend. Die Grafik entstand bei etwas mehr als 2 Stunden SoT.
Die Akkulaufzeit ist solide aber nicht überragend. Die Grafik entstand bei etwas mehr als 2 Stunden SoT.

Die Akkulaufzeit fiel in den Tests etwas schlechter aus, als von einem 5-Zoll-Smartphone mit 3000-mAh-Akku erwartet. Das kann aber gut daran liegen, dass ich im Testzeitraum auch mit diversen SIM-Karten experimentierte und somit das Mobilfunknetz etwas häufiger beanspruchte, als im normalen Gebrauch üblich. Powernutzer sollten gut über den Tag kommen mit maximal 6 Stunden Displayzeit, Wenignutzer dürften bis zu 5 Tage hinbekommen, im Ultrastromsparmodus als Featurephone liegen auch eine Woche oder mehr drin.

Im Ultra-Stromsparmodus hält der Akku deutlich länger durch.
Im Ultra-Stromsparmodus hält der Akku deutlich länger durch.

Fazit

Abgesehen davon, dass ein Update auf Android 6 „Marshmallow“ noch nicht zu 100 Prozent feststeht und NFC vergesssen wurde, gibt es eigentlich keinen Grund, sich gegen das Gigaset ME zu entscheiden (wenn dir das Design gefällt). Die Verarbeitung stimmt, die inneren Werte stimmen und das Gerät war in den Tests auch recht angenehm flott und ohne Überhitzungsprobleme. Dennoch fehlt ihm das gewisse Etwas, das zum Beispiel ein OnePlus One oder das Nexus 6Pmitbringt.

Rein vom Preis her würde ich eher zum Galaxy S6, zum Moto X Style oder zum Nexus 5X greifen. Hinsichtlich der Kamera bieten alle drei erwähnten Modelle mehr als das Gigaset-Smartphone.

Für die gebotene Leistung bekommt das Gigaset ME von der Redaktion 3,9 von maximal 5,0 Punkten und das Gütesiegel „gut“.

aufmacher-rating-gigaset-me

 

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