Start Magazin LINE: Gratis-Anrufe ? der WhatsApp-Killer im Test

LINE: Gratis-Anrufe ? der WhatsApp-Killer im Test

Mit mehr als 300 Millionen registrierten Nutzern gehört Line zu den weltweit größten Messenger-Diensten. Wir stellen die App vor und zeigen, wie sie so erfolgreich werden konnte.

Die Story von Line hört sich fast wie ein Märchen an. Nach dem verheerenden Tsunami in Japan 2011 funktionierten vielerorts die Telefone nicht mehr, aber oft gab es noch eine Internetverbindung zum Kommunizieren. Also entschlossen sich einige Programmierer des japanischen Telecomriesen Naver, einen Messenger auf die Beine zu stellen: Line. Der Erfolg blieb nicht aus, sodass LINE: Gratis-Anrufe [1] aktuell in Japan und vielen Ländern in Fernost die mit Abstand am meisten genutzte Messenger-Anwendung ist. Doch auch in Europa ist der Dienst seit 2013 bekannt und setzte sich zum Beispiel in Spanien innerhalb kurzer Zeit vor WhatsApp an die erste Stelle der Messenger-Anwendungen.

Mehr als ein Messenger

Aus dem ehemaligen Messenger ist inzwischen eine ausgewachsene Social-Media-App geworden, die nicht nur die Kommunikation per Textnachrichten erlaubt, sondern auch Videotelefonie und eine Timeline anbietet. Zu Line gehören zudem noch eine Kamera-App [2] und zahlreiche weitere Tools, die Sie alle mit der Installation der Haupt-App aufs Handy oder Tablet bekommen. Vereinfacht gesagt, ist Line somit WhatsApp, Facebook, Skype und Instagram in einem.

Wenn Sie mögen, können Sie Line somit nicht nur zum Chatten und Telefonieren nutzen, sondern damit auch Fotos mit Freunden teilen und via Timeline eine Art öffentliches Tagebuch führen. Zudem bietet die App eine umfassende Sammlung an Casual Games, die allerdings nicht immer den europäischen Geschmack treffen.

Anmeldung via Telefonnummer

Nach dem ersten Start der App müssen Sie sich ein Login anlegen oder via Facebook-Account anmelden. Anschließend will Line Ihre Handynummer wissen, um die anonyme Nutzung so gut wie möglich zu verhindern. Die Nummer wird aber nicht automatisch dafür verwendet, um weitere Freunde zu finden. Das passiert nur, wenn Sie die entsprechende Checkbox beim Start nicht deaktivieren.

Abbildung 1: Zur Registrierung müssen Sie sich mit Ihrer Handynummer identifizieren.
Abbildung 1: Zur Registrierung müssen Sie sich mit Ihrer Handynummer identifizieren.

Abbildung 2: Line überlässt Ihnen die Wahl, ob Sie über Ihre Telefonnummer gefunden werden möchten.
Abbildung 2: Line überlässt Ihnen die Wahl, ob Sie über Ihre Telefonnummer gefunden werden möchten.

Im Unterschied zu WhatsApp oder Facebook legen Sie also selbst fest, ob Sie für andere Nutzer über die Handynummer automatisch auffindbar sein wollen, oder ob man Sie nur via Suche oder Ihre Line-ID hinzufügen kann. Wollen Sie Ihren Freundeskreis nicht wissen lassen, dass Sie Line nutzen, dann können Sie auch das verschweigen. Bei WhatsApp ist das nur sehr umständlich oder über eine "geheime" Telefonnummer möglich.

Abbildung 3: Line besteht nicht nur aus einem Messenger, sondern bringt viele weitere Apps mit.
Abbildung 3: Line besteht nicht nur aus einem Messenger, sondern bringt viele weitere Apps mit.

Freunde finden

Haben Sie Line erlaubt, Ihr Adressbuch zu durchsuchen, dann zeigt die App nach kurzer Zeit an, welche Ihrer Kontakte den Dienst ebenfalls benutzen. Um einen neuen Kontakt hinzuzufügen, tippen Sie oben rechts auf die Büste mit dem Plus-Zeichen und anschließend auf Contacts. Es erscheint ein kleiner Dialog, über den Sie entscheiden, ob Sie neue Freunde per E-Mail oder per SMS benachrichtigen möchten. Wählen Sie die gewünschte Option aus, und legen Sie im folgenden Dialog fest, wem Sie eine E-Mail/SMS senden wollen. Schicken Sie Ihrem Freund eine E-Mail, dann enthält diese auch einen QR-Code. Ihr Bekannter muss dann lediglich nach der Installation der App auf der Seite Freunde hinzufg. den QR-Code scannen, und schon sind Sie befreundet.

Noch einfacher fügen Sie einen Line-Freund hinzu, wenn Sie sich am gleichen Ort aufhalten. Dann genügt es, wenn Sie auf der Freunde-Seite auf den Eintrag Shake it! tippen und dann zusammen das Handy schütteln. Line merkt so via Standort, dass Sie zusammengehören.

Abbildung 4: Neue Freunde in unmittelbarer Nähe können Sie durch Schütteln des Handys hinzufügen.
Abbildung 4: Neue Freunde in unmittelbarer Nähe können Sie durch Schütteln des Handys hinzufügen.

Dann gibt es auch noch die klassische Art via Messenger-ID. Ist Ihre ID öffentlich, dann kann Sie jeder Line-Nutzer darüber finden (so zum Beispiel auch den Autor dieses Artikels über marcelhilzinger).

Obwohl Line noch deutlich weniger verbreitet ist als Facebook oder WhatsApp, dürften Sie recht schnell ein paar Kontakte finden. Da die App zudem gratis ist, steht einer Installation auf dem Handy von Freunden nichts im Weg.

Abbildung 5: Sie können Ihren Freunden sogar virtuelle Geschenke über Line senden.
Abbildung 5: Sie können Ihren Freunden sogar virtuelle Geschenke über Line senden.

Chat und Videoanruf

Haben Sie erst mal ein paar Freunde gefunden, möchten Sie mit diesen natürlich auch chatten. Das geht recht einfach, indem Sie den Kontakt antippen. Sie landen dann gleich im Chatraum. Hier sind die Elemente in den vier Ecken wichtig: Über das blaue Icon unten rechts starten Sie einen Anruf, sofern Sie noch keinen Text eingetippt haben. Line verbindet sich zunächst per Sprachanruf, und Sie können anschließend zum Videochat wechseln, wenn beide Partner das unterstützen. Mehr Auswahl bietet das Kontextmenü oben rechts, über das Sie ebenfalls Anrufe tätigen können. Über die Chateinstellungen ändern Sie zum Beispiel den Hintergrund des Chatfensters oder erstellen eine Verknüpfung, um schnell einen Videoanruf zu starten. Die Sprachqualität der Anrufe hängt wie immer vom benutzten Netz ab, in unseren Tests war sie sehr gut.

Abbildung 6: Line startet zunächst einen Sprachanruf, den Sie dann zum Video-Call umschalten.
Abbildung 6: Line startet zunächst einen Sprachanruf, den Sie dann zum Video-Call umschalten.

Abbildung 7: Die wichtigsten Punkte verbergen sich im Kontextmenü des Chatfensters oben rechts.
Abbildung 7: Die wichtigsten Punkte verbergen sich im Kontextmenü des Chatfensters oben rechts.

Das Icon oben links steht für den Notizzettel. Darauf können Sie sich während eines Chats oder Anrufs Notizen machen. Diese sind für alle Partner im aktuellen Chat sichtbar und bleiben auch nach dem Löschen des Chatverlaufs erhalten. Über das Plus-Zeichen unten links senden Sie dem Chatpartner ein Foto, ein Video oder eine Sprachnotiz. Auch Ihren Standort oder eine Visitenkarte zu einem Kontakt können Sie hier teilen. Daneben befindet sich ein Smiley – damit erreichen Sie die Line-Sticker.

Sehr gut gefallen hat uns am Line-Chat, dass er auch über den Sperrbildschirm funktioniert. Sie müssen das Handy also nicht entsperren, um eine Chat-Anfrage zu beantworten. Stört Sie dieses Verhalten, weil jemand in Ihrem Namen antworten könnte, dann sollten Sie Line mit einem PIN-Code schützen, wie unten beschrieben, oder die Benachrichtigungen für den Sperrbildschirm abschalten.

Bunte Bildchen

Ein Erfolgsrezept der App liegt in den Stickern, die wie Emoticons oder Emojis funktionieren, aber deutlich größer sind und somit auch aussagekräftiger. Die Sticker haben sich inzwischen auch Facebook und ChatON von Line abgeschaut, das Angebot bei Line ist aber viel umfangreicher und – das ist der Knackpunkt – auf die lokale Nachfrage abgestimmt. So gibt es zum Beispiel in Spanien Sticker der prominenten Fußballer und von Szenen aus Tapasbars, in Italien darf natürlich der Espresso nicht fehlen. Die Minibilder tragen auch wesentlich zur Finanzierung des Dienstes bei, gibt es doch zahlreiche Sticker-Sets zu Preisen zwischen 79 Cent und 1,79 Euro zu kaufen. Zu den Aufklebern gelangen Sie, indem Sie in der Kontakteübersicht auf Mehr tippen oder in einem Chatfenster auf das Smiley-Icon.

Abbildung 8: Die großen Sticker machen jede Konversation einzigartig und witziger.
Abbildung 8: Die großen Sticker machen jede Konversation einzigartig und witziger.

Der Sticker-Shop ist aufgeteilt in die Reiter Beste, Neu und Kostenlos. Von Haus aus gibt es nur vier Stickersets gratis, unter dem Reiter Kostenlos finden Sie aber viele mehr. Line kündigt in regelmäßigen Abständen neue Gratis-Sticker an, die sich dann während einer limitierten Zeitspanne (üblicherweise 24 Stunden) kostenlos herunterladen lassen. Einige Sticker bleiben stets gratis, andere Aufkleber werden nach 180 Tagen kostenpflichtig.

Die kostenpflichtigen Sticker sind neuerdings mit einer Goldmünze gekennzeichnet, wobei 100 Goldtaler im schlechtesten Fall 1,79 Euro entsprechen. Um Line-Münzen zu kaufen, wechseln Sie zu den Einstellungen und tippen hier auf Münzen, anschließend rechts oben auf Laden. Bei den Münzen handelt es sich um einen In-App-Kauf, den Sie nicht erstatten können. Beachten Sie, dass sich Münzen zwar von einem Line-Konto auf ein anderes (mit der gleichen Telefonnummer) übertragen lassen, aber nicht von Android auf iOS. Beim Umstieg von iOS zu Android oder andersrum können Sie das Gold also nicht mitnehmen, beim Wechsel auf ein anderes Android-Handy hingegen schon.

Abbildung 9: Das Angebot an Stickern ist sehr groß. Zudem gibt es für jedes Land passende Aufkleber.
Abbildung 9: Das Angebot an Stickern ist sehr groß. Zudem gibt es für jedes Land passende Aufkleber.

Abbildung 10: Mit 1,79 Euro für 100 Line-Münzen erhalten Sie üblicherweise gerade mal ein Sticker-Paket.
Abbildung 10: Mit 1,79 Euro für 100 Line-Münzen erhalten Sie üblicherweise gerade mal ein Sticker-Paket.

Abbildung 11: Neben den Stickern bietet Line auch verschiedene Designs für den Messenger an.
Abbildung 11: Neben den Stickern bietet Line auch verschiedene Designs für den Messenger an.

Die gekauften oder bei einer Gratisaktion erhaschten Sticker können Sie auch an einen beliebigen Chatpartner verschenken.

Privatsphäre

In der Grundeinstellung ist Ihr Profil öffentlich. Line-Nutzer können nach Ihrem Namen suchen und Sie über das Profilbild (sofern eingerichtet) finden. Unbekannte Nutzer dürfen Ihnen auch Nachrichten schicken. Line verfügt aber über sehr viele Privatsphären-Einstellungen, sodass dieser Messenger eine gute Wahl ist, wenn Sie öffentlich so wenig wie möglich erscheinen möchten. Um die Privatsphäre besser zu schützen, wechseln Sie zum Hauptmenü, öffnen die Einstellungen und wählen zunächst Ihr Profil aus. Hier entfernen Sie die Checkbox bei Profilfoto teilen und bei Öffentliche Nutzer-ID. Über den Eintrag Konto löschen ganz unten können Sie sich auch komplett vom Dienst verabschieden. Wechseln Sie nun zurück zum Menü, und tippen Sie auf den Eintrag Privatsphäre. Darin können Sie ganz oben den Messenger mit einem PIN-Code schützen. Aktivieren Sie anschließend die Checkbox bei Nachrichten ablehnen, um keine Meldungen von unbekannten Personen zu erhalten. Anschließend wählen Sie Timeline & Home und entfernen die Checkbox bei Neue Freunde zulassen, falls Sie Ihre Timeline ganz privat halten wollen. Sollen nur bestimmte Nutzer davon ausgeschlossen sein, dann tippen Sie auf Privatsphäre-Einstellungen und entscheiden, welche Ihrer Freunde die Timeline zu Gesicht bekommen dürfen.

Abbildung 12: In der Grundeinstellung erscheinen die Nachrichten auch bei gesperrtem Display.
Abbildung 12: In der Grundeinstellung erscheinen die Nachrichten auch bei gesperrtem Display.

Abbildung 13: Um Ihre Konversationen privat zu halten, können Sie Line mit einem PIN-Code absichern.
Abbildung 13: Um Ihre Konversationen privat zu halten, können Sie Line mit einem PIN-Code absichern.

Darüber hinaus lohnt es sich bei jedem Chat oder Eintrag, das Kontextmenü aufzurufen. Darüber können Sie gezielt Nutzer blockieren. Sie können zudem auch für jeden Kontakt festlegen, ob Sie über neue Beiträge benachrichtigt werden wollen oder nicht. So sind zum Beispiel bei den offiziellen Line-Accounts die Benachrichtigungen in der Grundeinstellung deaktiviert.

Line betont zudem, dass sämtliche Chats über eine verschlüsselte Verbindung ablaufen. Wie diese genau funktioniert, bleibt aber ein Geheimnis der Firma.

Schwächen

Aktuell gibt es ganz klar noch zu wenige Line-Nutzer in Deutschland. Auch wir mussten für diesen Testbericht im Bekanntenkreis einen kleinen Aufruf starten, um genügend Kontakte für schöne Screenshots und lustige Chats zu erhalten. Da der Dienst aber bereits einzelne Spots im TV geschaltet hat und demnächst auch offiziell in Deutschland an den Start gehen will, dürfte das nur eine Frage der Zeit sein.

Im direkten Vergleich mit WhatsApp fällt negativ auf, dass Sie nicht sehen, wann Ihre Freunde zuletzt online waren und ob der Chatpartner gerade am Tippen ist. Das Fehlen dieses bei Facebook sehr beliebten Features kann man aber durchaus als Vorteil von Line sehen: Sie bewahren sich einen Teil Ihrer Privatsphäre. Dennoch wäre es schön, diese Funktionen optional für einzelne Kontakte freigeben zu können.

Line kann Fotos, Audioaufnahmen und Videos verschicken, aber keine beliebigen Dateien wie zum Beispiel Skype oder ChatON von Samsung.

Den Line-Messenger gibt es zwar für Mac OS X und Windows, er ist jedoch nur als native App und nicht im Browser verfügbar. So müssen Linux-Nutzer auf den Messenger verzichten, und auch in einem Internetcafé lässt sich Line nicht einfach mal so starten. Hier hat ChatON von Samsung klar die besseren Karten. Dafür ist es für iOS, BlackBerry OS und für Windows Phone verfügbar.

Das Businessmodell beruht ganz klar auf den In-App-Käufen (hauptsächlich Sticker). Dadurch bleiben App und Line-Dienste gratis, aber Sie erhalten in regelmäßigen Abständen Benachrichtigungen über neue Angebote. Ein Kaufzwang besteht indes nicht.

Fazit

Aktuell stellt der Line-Messenger in Deutschland trotz Gratisanrufen noch keine echte Bedrohung für WhatsApp oder Facebook dar. Das kann sich aber schnell ändern, wie das Beispiel Spanien gezeigt hat. Wenn Line noch die am meisten vermissten Features implementiert (sehen, wann Freunde zuletzt online waren und sehen, wenn jemand tippt), dann hat sie in jedem Fall 5 Sterne verdient. Dass Line boomt, werden Sie in Ihrem Freundeskreis demnächst schon merken, da sind wir uns ziemlich sicher.


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