Start Aktuell Kommentar zur IFA 2013: Die Smartphone-Decke ist erreicht, es lebe die Android-Vielfalt

Kommentar zur IFA 2013: Die Smartphone-Decke ist erreicht, es lebe die Android-Vielfalt

Früher konnte man die Android-Top-Modelle noch an einer Hand aufzählen. Heute genügen selbst beide Hände nicht mehr, da auch die Geräte vom letzten Halbjahr noch top sind. Hier unser persönlicher Eindruck von der IFA 2013 aus Android-User-Sicht.

Es ist schon fast unglaublich, was die Handy-Entwicklung in den vergangenen 12 Monaten durchgemacht und was die Hersteller geleistet haben. Mit seinen 3 GByte RAM ist das Note 3 von Samsung besser bestückt als mein drei Jahre altes Notebook, mit dem ich bis heute arbeite und die Grafikleistung der meisten aktuellen Top-Modelle ist ebenfalls deutlich besser als diejenige des integrierten Intel-Chipsatzes in meinem Billig-Notebook. Das ist faszinierend!

Gleichzeitig hat sich aber bei mir auch eine Art Ernüchterung eingestellt: Klar ist der Snapdragon 800 ein super cooler Chipsatz und Videos in 4k sehen klasse aus. Aber eigentlich bin ich mit meinem Nexus 4 mehr als zufrieden, und der Unterschied zwischen einem Full-HD und einem Ultra-HD-Video mag zwar auf gut kalibrierten Testgeräten noch für etwas Entzücken sorgen, aber für mein Wohnzimmer reichen 1080p allemal und auf dem Handy tut es 720p nach wie vor.

Mit dieser Ernüchterung scheine ich nicht ganz alleine zu sein. Auch unter Kollegen mochte für aktuell keines der gezeigten Geräte so richtig Begeisterung aufkommen. Die neuen Top-Modelle von Asus, Acer, LG, Samsung, Sony und wie sie alle heißen sind erstklassige Smartphones. Aber vielleicht zum ersten Mal in der noch sehr jungen Android-Geschichte kann sich kein aktuelles Top-Handy wirklich von seinem Vorgänger absetzen bzw. differenzieren. Warum soll ich dem Z1 den Vorzug gegenüber dem Z geben. Ist das Note 3 wirklich so viel besser als das Note 2? Und warum soll ich das LG G2 wählen, wo doch das Optimus G Pro praktisch genauso gut ist?

Selbst die Hersteller sehen das ähnlich und deshalb verzichten zum Beispiel HTC und Huawei auf neue Flaggschiffe in diesem Jahr. Das HTC One bleibt das Top-Handy in der 500-Euro-Klasse und das Ascend P6 das Android-Smartphone mit dem besten Design für 350 Euro. Warum sollte man da Modelle mit Tegra 4 oder Snapdragon 800 nachschieben? Nur um etwas bessere Ergebnisse bei AnTuTu zu haben?





Das HTC One X stand (wohl ungefragt) Pate für dieses neue Lenovo-Smartphone.

 

Jetzt wird es endlich interessant!

Ernüchterung bei der Hardware bedeutet aber auch Spannung bei der Software: Denn wenn praktisch alle Android-Smartphones performant genug sind, müssen sich die Hersteller etwas einfallen lassen, damit der Kunde genau ihr Produkt kauft. Deshalb dürfen wir uns in Zukunft auf noch besseres Design und noch tollere Software-Features freuen. Auch Dual-SIM-Handys in Spitzenqualität wird es in Zukunft vermehrt auch auf dem deutschen Markt geben, da sind wir uns sicher.

Erste Anzeichen für diese Trendwende waren auf der IFA zu sehen. Besonders gut gefallen hat uns zum Beispiel der Gastmodus und die Anklopf-Funktion beim LG G2. Um das Gerät aus dem Standby aufzuwecken klopft man einfach auf dem Display an. Steve Jobs hätte bestimmt ein Patent dafür beantragt, aber die Funktion gibt es bei alternativen ROMs schon etwas länger und deshalb hat sie LG einfach ins eigene Android-ROM integriert. Im Unterschied zu den Custom-ROMs ist aber das System auf das Feature optimal angepasst, sodass es nicht zu viel Strom verbraucht.  Ein weiteres positives Beispiel ist der Gast-Modus bei LG: Je nachdem welches Muster Sie zum Entsperren des Handys benutzen, landen Sie in einer anderen Umgebung. Das ist deutlich einfacher und angenehmer, als der Standard-Multiuser-Wechsel bei Android 4.2 aufwärts (und funktioniert auch auf dem Handy).

Sehr schön zu sehen war auch, wie sich die Hersteller untereinander an Features bedienen: So haben jetzt auch Samsung und LG eine Art Blinkfeed in ihren Top-Handys eingebaut. Bei Samsung heißt es Magazine, wie das Feature bei LG heißt, haben wir im großen Trubel wieder vergessen. Auch die Zoe-Funktion von HTC haben sich Sony und LG an Bord geholt. Bei jedem Foto werden gleich 30 bis 60 Bilder geschossen, sodass man später daraus noch andere Kompositionen machen kann (bzw. das beste Foto auswählen). Und nach HTC und Samsung gibt es jetzt auch von LG Geräte mit Infrarot-Fernbedienung. Das Smartphone wird also die alleinige Fernbedienung im Haus.

Immer mehr halten auch Features von Custom-ROMs Einzug. So startet das G2 von LG zum Beispiel automatisch den Audioplayer, wenn man die Kopfhörer anschließt, den Knock-On-Modus haben wir ja bereits erwähnt. Doch es gibt auch neue Ideen: zum Beispiel das Multitasking-Feature bei LG mit der Dreifinger-Geste (finden wir nicht so praktisch, aber die Idee ist gut) oder der anpassbare Navigationsbereich für große Handys (auch bei LG gesehen). Das beste neue Feature von Samsung finden wir das Zeichnen für den App-in-der-App-Modus: Einfach mit dem Stift ein Rechteck zeichnen und dann auswählen, welche App man darin starten möchte. Last but not least gibt es dieses Feature auch bei LG, hier erscheinen die Apps quasi als Chatheads und schweben ständig über dem aktiven Fenster.





Nettes Zubehör für unter 20 Euro: Der Bluetooth-Dialer lässt das Handy in der Tasche oder im Dock, falls man Musik hört oder einen Film schaut.

Design und Zubehör

Als Android-Nutzer dürfen wir uns also in den kommenden Monaten nicht nur über tolle Smartphones im mittleren und unteren Preissegment freuen, sondern auch über ein besseres Design und tolles Zubehör. Dominierten im letzten Jahr noch die Lautsprecher mit iOS-Dock die meisten Multimedia-Stände, sind es dieses Jahr die Bluetooth-Lautsprecher und Headphones mit NFC. Den Satz "Unter Android ist es sogar noch einfacher" von einem Apple-Zubehör-Hersteller zu hören, ist Musik in unseren Ohren. Einen neuen Trend scheint hier wiederum HTC mit dem HTC Mini+ zu setzen: auf diversen Taiwan-Ständen gab es bereits ähnliche Geräte zu sehen, die um 20 Euro kosten werden. 

"Best of the Show" ist für uns Sony mit den neuen Objektiven. Die Dinger sind zwar in der aktuellen Form noch nicht besonders praktisch und auch etwas zu schwer, um sie anstelle einer echten Kamera ins Handgepäck zu legen. Aber für Blogger und andere Foto-Fans ein tolles Gadget. Die zweite Generation wird hier den Durchbruch schaffen, da sind wir uns ziemlich sicher. Aktuell fehlt den Objektiven ein praktischer Standfuß, für die Montage am Handy ist das Q100 deutlich zu schwer. Idealerweise kauft man sich demnächst d eine Kompaktkamera von Sony mit abnehmbaren Obektiv. Nur für das Handy finden wir den Einsatz etwas zu begrenzt.

Enttäuscht sind wir hingegen von der Gear-Smartwatch von Samsung. Allein die Akkulaufzeit von maximal einem Tag ist ein No-Go. Denn wer will schon täglich auch noch seine Uhr aufladen? Dann kommt auch noch der Umstand dazu, dass die Gear nur mit den aktuellen Top-Modellen von Samsung zusammenarbeiten soll. Ebenfalls ein No-Go. Sony zeigt, dass das auch besser geht…

Ebenfalls positiv überrascht waren wir von einigen Herstellern, die zwar bereits letztes Jahr Geräte auf der IFA ausgestellt hatten, aber noch mit einer sehr schlechten Qualität. Die neuen Handys und Tablets von Haier zum Beispiel machen einen sehr guten Eindruck. Die Geräte werden aber erst Anfang 2014 auf den deutschen Markt kommen. Auch die neuen Handys von Archos wirken besser verarbeitet, als die erste Charge. Riesige Fortschritte hat auch Lenovo gemacht, die Handys der ThinkPad-Firma werden es aber nicht nach Europa schaffen.





Haier hatte gleich eine ganze Palette an Smartphones und Tablets auf dem Stand, mit zum Teil gelungenen Anpassungen.

Und dann gibt es natürlich auch jedes Jahr Exoten: wie zum Beispiel die Firma Migoal mit dem Transmaker. Dabei handelt es sich um ein Tablet mit Tastaturdock für die Samsung-Geräte S3 und S4. Das Samsung-Handy wird dazu in ein Gummi-Case gesteckt, damit es besser im Einschub haftet und schon hat man ein kleines Transformer. Eine Fernbedienung mit Bluetooth-Headset gibt es gleich dazu, damit man das Handy nicht herausnehmen muss, wenn es klingelt. Die Verarbeitung war bei den auf der IFA gezeigten Geräten noch stark an der Grenze, aber wir sind uns sicher, dass es dieses Konzept schon bald auch für andere Smartphones geben wird.





Das Transmaker von Migoal gibt es in zwei Größen, die Verarbeitung ist allerdings noch nicht das Gelbe vom Ei.

Den zweiten "Best of the Show" Preis hinter den Sony-Objektiven gibt es für das neue 10-Zoll-Kindertablet von Archos (das allerdings bislang nur ein Konzept ist). Mit dem auf dem Foto zu sehenden Bärchen kann man mit dem Tablet interagieren, um gewisse Apps zu starten und zu spielen. Das Konzept ist noch nicht zu Ende gedacht, aber hat sehr viel Potential, wie wir meinen ;-)





Beim neuen 10-Zoll Childpad von Archos gibt es gleich noch ein Spielzeug dazu.

Es lebe die Vielfalt!

Android lebt von der Vielfalt. Auch wenn nach oben die Decke praktisch erreicht ist, ist die Vielfalt an Geräten immer wieder aufs Neue erstaunlich. So macht es auch nichts, wenn die Top-Modelle nur noch ein kleines Entzücken hervorrufen.

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