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Flipboard für Android

Flipboard bereitet Inhalte von Webseiten und sozialen Netzwerken im lesefreundlichen Magazin-Format auf ? und das seit Neuestem nicht mehr nur auf dem iPhone, sondern auch für Android-Geräte. Doch ist der lang vorbereitete Sprung über den Systemzaun auch geglückt?

Allzu gern hätte Apple das digitale Echtzeit-Magazin Flipboard exklusiv an die eigene Mobilplattform gebunden, statt zusehen zu müssen, wie es auch auf anderen Märkten migriert – das jedenfalls verriet Evan Doll in einem Interview mit der New York Times [1]: "Sie wollten, dass wir exklusiv für iOS entwickeln – und das am besten bis ans Ende aller Zeiten", so der Flipboard-Mitbegründer, "aber wir haben uns entschlossen, so viele Menschen wie möglich mit unserer App zu erreichen." Und Firmenchef Mike McCue ergänzte augenzwinkernd: "Wir mögen es, neutral zu bleiben – wir sind wie die Schweiz."

Plattformvielfalt

Soviel Offenheit trägt Früchte: Seit dem Frühsommer steht der mit vielen Vorschusslorbeeren bedachte News- und Social-Network-Aggregator nicht nur in Googles Play Store, sondern in den USA auch für den Kindle Fire sowie das Nook-Tablet des Buchhändlers Barnes & Noble bereit. Wobei das Wort Aggregator fast etwas grob erscheint in Anbetracht der Eleganz, die bei der Gestaltung der App offenkundig zum Konzept gehört: Flipboard vereint die Inhalte von Webseiten, Blogs und RSS-Feeds, kombiniert sie mit dem privaten Nachrichtenstrom aus den derzeit angesagten sozialen Online-Netzwerken und präsentiert diese Mischung in einer ebenso intuitiven wie ästhetischen Oberfläche.

Abbildung 1: Emsiger Nachrichten-Sammler im Magazinformat: Mit Flipboard hält das elegante Blättern ab sofort auch unter Android Einzug.
Abbildung 1: Emsiger Nachrichten-Sammler im Magazinformat: Mit Flipboard hält das elegante Blättern ab sofort auch unter Android Einzug.

Abbildung 2: Metro lässt grüßen: Flipboard präsentiert seine Inhalte visuell ansprechend in einer großzügigen Kacheloptik.
Abbildung 2: Metro lässt grüßen: Flipboard präsentiert seine Inhalte visuell ansprechend in einer großzügigen Kacheloptik.

Die hochgradig visuelle Darstellung will das optische Erlebnis heutiger Medien mit dem Lesefluss klassischer Magazine und Bücher kombinieren – und passt damit weitaus besser zum mobilen Nutzerverhalten als ein Webbrowser, dessen wuchernde Üppigkeit besonders auf kleinen Bildschirmen immer etwas deplatziert und unpraktisch wirkt. Welche Inhalte in welcher Reihenfolge angezeigt werden, bestimmt der Anwender bei Flipboard zudem selbst. Der Prestige-Gewinn für die Android-Plattform scheint indes gewaltig: In den USA haben die großen Mobilanbieter bereits angekündigt, die schicke App auf jedem verkauften Modell des derzeitigen Flaggschiffs Galaxy S III vorzuinstallieren.

So ganz ist der Schlag ins Kontor von Cupertino allerdings noch nicht gelungen: Flipboards Android-Unterstützung beschränkt sich derzeit auf Smartphones und Mini-Tablets mit einer Bildschirmdiagonale bis zu 7 Zoll. Nutzer größerer Geräte müssen mit einer Skalierung der Inhalte leben.

Abbildung 3: Lokalkolorit: Flipboard bietet ein breites Spektrum des deutschsprachigen Journalismus.
Abbildung 3: Lokalkolorit: Flipboard bietet ein breites Spektrum des deutschsprachigen Journalismus.

Gut geflippt ist halb geblättert

Nach der Installation von Flipboard [2] gilt es sich zunächst an das namensgebende Bedienungskonzept der App zu gewöhnen – und das schon gleich beim Willkommensbildschirm: Dieser will nicht etwa wie gewohnt zur Seite geblättert, sondern mit einem Wischen des Fingers nach oben geklappt werden – ganz so eben, wie bei einem klassischen Flipboard eine neue Präsentationsseite aufgedeckt wird. Diese Art der Bedienung zieht sich – begleitet von einem attraktiven Blättereffekt – durch das gesamte Programm und geht somit schnell in Fleisch und Blut über.

Abbildung 4: Zum Anbeißen: Besonders grafiklastige Dienste wie Tumblr profitieren von Flipboards plakativer Darstellung.
Abbildung 4: Zum Anbeißen: Besonders grafiklastige Dienste wie Tumblr profitieren von Flipboards plakativer Darstellung.

Flipboard präsentiert sich zunächst mit von der Redaktion zusammengestellten Nachrichtengruppen wie Wissen und Technik, Wirtschaft, Sport, Lebensart, Reise und Unterhaltung. Sind diese Kategorien vom Nutzer auf seine Interessen hin konfiguriert, wird automatisch das erste Magazin präsentiert: Die Titelseite zeigt plakativ eine Zusammenfassung der wichtigsten Meldungen an, darunter und auf den folgenden Seiten eine Übersicht der themenspezifischen Überschriften. Jedes Thema wird durch eine Kachel repräsentiert, die mit einer Vorschau des Bildes der jeweils aktuellsten Meldung zum Stöbern einlädt – kommt die Meldung ohne grafische Unterstützung daher, wird eben mit der verfügbaren Schlagzeile Vorlieb genommen. Jede dieser sechs erfreulich großflächigen Kacheln wird regelmäßig aktualisiert, sodass die gesamte Oberfläche dynamisch in Bewegung ist.

Abbildung 5: Im Fluss: Für Flipboard optimierte Dienste bereiten Inhalte lesefreundlich auf.
Abbildung 5: Im Fluss: Für Flipboard optimierte Dienste bereiten Inhalte lesefreundlich auf.

Der Schlüssel zur weiteren Individualisierung verbirgt sich hinter einem kleinen roten Lesezeichen, das sich in der rechten oberen Ecke jeder Seite zeigt: Hier sind einzelne Nachrichtenquellen abhängig von ihren Themen an- und abwählbar, wobei das Flipboard-Team mit Erscheinen der Android-Version lokalisierte Angebote geschnürt hat: Wer sich zum Beispiel für Wirtschaftsnachrichten interessiert, bekommt ein Portfolio aus vornehmlich deutschsprachigen Quellen angeboten, die durch die wichtigsten internationalen Anbieter ergänzt werden. Reicht diese Auswahl trotzdem noch nicht, so kann mittels der angebotenen Stichwortsuche praktisch jeder RSS-Feed eingebunden werden. Die App stöbert dabei übrigens nicht nur in Webseiten, sondern auch in Konten bei sozialen Online-Netzwerken sowie Foto- und Videodiensten.

Sozial kompetent

Soziale Netzwerke bilden einen weiteren Baustein des Flipboard-Universums und werden ebenfalls schnell und unkompliziert in den Voreinstellungen ergänzt. Zur Einbindung steht neben den Standards Twitter und Facebook seit Kurzem auch das stetig wachsende Google+ bereit. Aber auch Tumblr-, LinkedIn-, YouTube-, Instagram- sowie Flickr-Streams warten auf ihre Auswahl, um innerhalb eigener Kacheln das Flipboard-Magazin zu erweitern. Besonders effektiv erweist sich die Einbindung bei grafiklastigen Diensten wie Tumblr und Instagram – hier wird der originale Client fast überflüssig. Andere Übernahmen schwächeln immer dann, wenn der Nutzer über eine große Zahl an Followern verfügt: So passen zum Beispiel in der Twitter-Anzeige maximal zwei Tweets auf eine Seite, was bei einem steten Nachrichtenstrom aus mehreren tausend Federn schon einiges Blättern erfordert und bald ermüdet. Persönliche Nachrichten werden zudem nicht separat dargestellt. G+-Nutzer werden Flipboard jedoch schnell ins Herz schließen.

Abbildung 6: Anschlussfreudig: Flipboard bindet die verschiedensten sozialen Online-Netzwerke ein.
Abbildung 6: Anschlussfreudig: Flipboard bindet die verschiedensten sozialen Online-Netzwerke ein.

Negatives

Vermisst haben wir in der Android-Version die Audio-Unterstützung inklusive SoundCloud-Einbindung. Flipboard kommt auch seinem Auftrag nicht immer uneingeschränkt nach, Inhalte lesefreundlich aufzubereiten: Wenn zum Beispiel eine Nachricht auf eine Webseite verweist, wird diese zwar innerhalb der eigenen Oberfläche und ohne Aufruf eines externen Webbrowsers angezeigt, übersichtlicher wird sie dadurch aber nicht. Hier macht sich besonders der Verzicht auf einen horizontalen Landscape-Modus, der offenbar zusammen mit der fehlenden Tablet-Unterstützung einkassiert wurde, schmerzlich bemerkbar: Das gewohnte Drehen des Smartphones um 90 Grad nötigt Flipboard somit keinerlei Reaktion ab. Attraktiv dargestellt werden in den meisten Fällen nur Artikel von Anbietern, die ihre Inhalte für die App optimiert haben – leider arbeitet Flipboard hier aber scheinbar bisher nur mit großen Namen des Verlagswesens zusammen. Konkurrent Google ist da weitaus flexibler: Für seinen News-Aggregator Currents [3] bietet das Unternehmen mit dem "Producer" eine eigene Web-App an, mit der Inhalte für die optimierte Anzeige von jedermann maßgeschneidert werden dürfen [4]. Einen Artikel zu Google Currents finden Sie in Android User 07/2012 frei online [5].

Abbildung 7: Umleitung: Zum Offline-Lesen muss ein externes Programm wie Pocket herangezogen werden.
Abbildung 7: Umleitung: Zum Offline-Lesen muss ein externes Programm wie Pocket herangezogen werden.

Auch in einem anderen Punkt hat der Mitbewerb die Nase vorn: Flipboard setzt eine ständige Internetverbindung voraus, ein Zwischenspeichern von Inhalten für ein späteres Offline-Lesen findet nicht statt. Die Macher selbst verweisen auf externe Anwendungen wie Instapaper, Pocket und Readability. Der Austausch mit diesen klappt zwar, besonders komfortabel ist der Umweg aber nicht. Nach dem neuesten Update von Google Currents in der Jelly-Bean-Version hat hier Google aber klar die Nase vorne.

Fazit

Flipboard gehört zu den attraktivsten Apps zur Darstellung von Medieninhalten und sozialen Netzwerken. Die Android-Umsetzung bietet allerdings noch reichlich Luft nach oben: Möglichst schnell sollte besonders die Landscape-Ansicht nachgeliefert werden, von der nicht nur Tablets profitieren sondern auch hochauflösende Smartphone-Displays. Mangels Offline-Modus kommt die App aktuell nicht an Google Currents heran.

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