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Android Wear: was es ist und wozu es gut ist

android.com/wear
(c) Google

Auf der Google I/O 2014 stellte Google zum ersten mal das auf Wearables optimierte Android-System "Android Wear" und zwei Geräte von Samsung und LG vor. Inzwischen ist die Anzahl an Smartwatches mit Android Wear stark angewachsen und schon bald kaum mehr zu überschauen. Doch was ist Android Wear eigentlich und wozu ist es gut?

Der Computer am Handgelenk. Wenn man eine smarte Uhr so definiert, dann gibt es Smartwatches schon seit Jahrzehnten. In Erinnerung sind wohl bei den meisten Leserinnen und Lesern noch die Casio-Uhren mit kompletter Tastatur und Taschenrechner aus den 80-er Jahren, aber auch Uhren mit GPS, eingebauter Kamera oder Touchscreen sind alles keine wirklichen Neuheiten. Wer’s nicht glauben will, wirft am besten mal einen Blick in die Galerie der Meilensteine von Casio. Auch eine Uhr mit Linux ist nichts neues: IBM arbeitete schon im Jahr 2000 an Armbanduhren mit Linux-Betriebssystem als Proof of Concept. Mit der zunehmenden Verbreitung von Handys, mobilen MP3-Playern und Smartphones verloren aber die digitalen Spielzeuge etwas an Bedeutung und der portable Computer wanderte vom Handgelenk in die Hosentasche.

Die Entwicklung der letzten vier Jahre dürfte noch bei allen in Erinnerung sein: Das iPhone sorgte dafür, dass sich der Touchscreen durchsetzte und anschließend startete Android seinen Siegeszug. Die Gerätevielfalt wurde immer größer in im praktisch gleichen Umfang, wie die Zahl an Android-Geräten wuchs, vergrößerten sich auch die Displays der Smartphones, sodass wir heute bei praktisch 5 Zoll als Standardgröße angelangt sind. Alles darunter gilt als "Mini" oder "Compact" und alles darüber als Phablet oder Note-Gerät.

Kurze Geschichte der Wearables 

Die neue Generation an Wearables kam ums Jahr 2010 auf. Als Pionier gilt Sony Ericsson mit der LiveView. Dabei handelte es sich um ein (nicht smartes) 1,3-Zoll-Display mit 128 x 128 Pixeln, das via Bluetooth Informationen vom Handy auf das Display am Handgelenk "beamen" konnte. Ab 2012 gab es auf verschiedenen Crowdfunding-Plattformen Projekte für Sportarmbänder und kleine Smartphones. Als Vorläufer der aktuellen Modelle kann man unter anderem die Pebble Watch und die Fitbit-Armbänder bezeichnen. Einige Hersteller verfolgten anschließend das Ziel, smarte Uhren mit einem kompletten Android-System auszustatten. Zu den Pionieren gehört hier der Onlineversand Pearl, der als eine der ersten europäischen Firmen im Herbst 2013 eine Smartwatch auf den Markt brachte, mit der man auch telefonieren konnte. Sony und Samsung brachten später neue Android-Smartwatches mit komplettem Betriebssystem heraus. Bei den meisten Geräten ließ aber die Akkulaufzeit zu wünschen übrig.

Sinn und Zweck von Android Wear

Bei der Präsentation von Android Wear auf der Google I/O stieg David Singleton mit Daten und Fakten zur Nutzung von Smartphones ein. Dabei machte er deutlich, dass wir täglich sehr oft unser Smartphone aus der Hosentasche holen, um eigentlich nur eine eingegangene Benachrichtigung abzuarbeiten, dann aber tiefer versinken und doch noch mal schnell die E-Mails checken oder Facebook aufrufen. Das verlängert die Zeit, in der wir uns nicht mit unserer echten Umwelt beschäftigen. Hier setzt Android-Wear an: Google möchte mit Android-Wear den Nutzern die Notwendigkeit nehmen, nur um eine eingegangene Mail, Nachricht oder ähnlich zu lesen, das Smartphone aus der Tasche ziehen zu müssen. Das zweite Display am Arm soll diesen Job übernehmen und schnell die geforderten Informationen liefern ggf. mit ihnen interagieren und sich dann ebenso schnell wieder in den Stand-By-Modus versetzen. Dadurch minimiert sich die Möglichkeit, "länger hängen zu bleiben" als ursprünglich gewollt. Android Wear soll die zentrale Anlaufstelle für Informationen und Benachrichtigungen sein, die unkompliziert vom Handgelenk aus abgerufen werden können.

Die Android-Wear-App soll die Smartphone-App sinnvoll ergänzen, nicht ersetzen. Bildquelle: android.com
Die Android-Wear-App soll die Smartphone-App sinnvoll ergänzen, nicht ersetzen. Bildquelle: android.com

Karten und Bedienung

Das gesamte Android-Wear-System ist in Karten aufgebaut, die denen von Google Now ähnlich sind und vom Smartphone übertragen werden. Vom zentralen Ausgangselement der Uhr lässt sich vertikal durch die Karten swipen. Diese sind chronologische geordnet, sodass die neusten Informationen immer am Anfang zu finden sind. Mit einem Swipe nach rechts lassen sich Karten entfernen, die zugehörige Notification am Smartphone verschwindet dann auch. Karten stehen für bestimmte Informationen bereit. Dazu gehören unter anderem eingegangene SMS und Mails, WhatsApp-Nachrichten, ein anstehender Flug oder das Wetter. Welche Karten zur Verfügung stehen, hängt dabei vom Smartphone ab, das mit dem Android-Wear-Gerät gekoppelt ist. Befindet sich darauf zum Beispiel eine App zum Kochen, dann kann diese ebenfalls entsprechende Karten auf das Wear-Gerät übertragen, eine Fahrrad-Navi-App ebenso und so weiter.

Von Haus aus bestehen die Karten nur aus einer einfachen Spiegelung der Android-Benachrichtigungen und der Google-Now-Karten, die auch am Smartphone vorzufinden sind. Darüber hinaus kann jede Karte weitere Funktionalitäten und Informationen anbieten, die durch einen Wisch nach links hervorgerufen werden. Möglich Interaktionen zeigt Android Wear durch große, fast bildschirmfüllende blaue Buttons an. Diese zusätzlichen Infos können zum Beispiel bei einer Flug-Karte der Boarding-QR Code oder genauere Informationen zum Flug sein.

Android Wear hält sich eigentlich an das Motto "Eine Information ? eine Karte", manchmal brechen aber selbst die Google-eigenen Apps wie Hangouts oder Gmail diese Richtlinie und bieten eine Interaktion an, die ganze Konversationen oder andere lange Texte anzeigt. Das überfordert jedoch eher als dass es nützt. Hier ist gut zu sehen, dass Google selbst noch nicht immer hundertprozentig weiß, wie die Benutzerführung sein soll, Android Wear ist also teilweise noch Work in Progress.

Display an oder aus?

Bei der täglichen Benutzung von Android Wear gibt es generell zwei Möglichkeiten. Entweder hat man das Display immer an oder nicht. In der Regel ist ersteres sinnvoll, da ansonsten bei jedem Blick auf die Uhr ein Tipp auf das Display oder eine Armbewegung nötig ist, um das Display zu aktivieren. Wünschenswert wäre es das Display temporär für einen vom Nutzer festgelegten Zeitpunkt zu deaktivieren. Nachts möchte man nämlich nicht den ganzen Raum, durch die Uhr, erhellt haben.

Bei permanent eingeschaltetem Display ist die Anzeige nicht wie vielleicht anzunehmen immer mit voller Helligkeit eingeschaltet. Sie wechselt relativ schnell in einen energieschonenden Modus, bei dem die Helligkeit heruntergeregelt wird. Allgemein leuchtet das Display bei einer eingehenden Benachrichtigung auf, die Uhr vibriert und zeigt am unteren Rand die neue Karte an. Anschließend wechselt die Uhr wieder in den energiesparenden Modus mit reduzierter Helligkeit. Etwas störend ist, dass Handy und Uhr vibrieren, eine Synchronisation wäre in unseren Augen hier durchaus sinnvoll, denn eine Möglichkeit die Vibration am Smartphone auszuschalten, sobald die Uhr verbunden ist, fehlt. Um wieder an den Startplatz (zum Watchface) zurückzukommen genügt es, das Display mit der flachen Hand abzudecken.

Mit der Smartwatch am Flughafen einchecken, Google macht?s möglich.
Mit der Smartwatch am Flughafen einchecken, Google macht?s möglich.

Eingabe von Informationen

Android Wear bietet nicht nur passive Möglichkeiten sich Informationen anzeigen zu lassen, über Googles Spracheingabe ist es auch möglich auf eine Nachricht zu antworten oder Informationen über die Sprachsteuerung anzufordern. Die Uhr hört auf "OK, Google" und wartet dann Anweisungen ab. Android Wear hört allerdings nicht immer zu wie das Moto X, sondern lauscht nur dann auf den Erkennungssatz, wenn das Display an ist. Also ist im Stand-By Modus erst mal ein Tippen auf den Bildschirm nötig, bevor man "Okay Google" sagen kann. Problematisch ist auch, dass das System Spracheingaben in Deutsch häufig fehlinterpretiert und die Trefferquote deutlich geringer ist als auf Englisch. In lauten Umgebungen ist die Spracheingabe nicht wirklich zu gebrauchen, abgesehen davon, dass die wenigsten Nutzer in der Öffentlichkeit mit einer Uhr reden möchten (aber das kennen wir ja noch von den Anfängen des Handys…).

Viel schlimmer ist aber, dass die Spracheingabe, die Google für das zentrale Eingabeelement hält, an eine Internetverbindung gebunden ist. Sobald nur langsames (EDGE) oder gar kein Internet zur Verfügung steht, ist die Spracheingabe nutzlos. Also funktionieren Befehle wie "Starte Kompass" oder "Wecker stellen 8 Uhr" nicht mehr. Ebenso nervig ist es, dass Android Wear bei der Spracheingabe keinen Freiraum lässt: Während "Starte Notizen" zum gewünschten Erfolg führt, versagt Android Wear (und Google Now) bei "Notizen starten". Allgemein ist auch das Starten von Apps, die nicht von Google stammen, über die Spracheingabe schwierig, da viele App-Namen nicht richtig erkannt werden. Dann muss man sich durch ein tief verzweigtes Menü wälzen, um die gewünschte App zu starten. Diesem Problem hat sich die Community schon angenommen, ein Entwickler hat einen eigenen Launcher "Wear Mini Launcher" veröffentlicht. Aber ist es Sinn der Sache, dass Drittentwickler die Aufgaben von Google übernehmen?

Der Eingabedialog von Android Wear für die Sprachsteuerung.
Der Eingabedialog von Android Wear für die Sprachsteuerung.

Apps für Android Wear

Beim Launch zur Google I/O gab es für Android-Wear nur eine begrenzte Anzahl an Anwendungen, die bereits für das neue System optimiert waren. Dadurch, dass Google aber bereits vor der IO ein Preview für Entwickler veröffentlicht hatte, dauerte es nicht lange, bis die ersten Android-Wear Apps im Google Play Store auftauchten. Allerdings waren die meisten verfügbaren Anwendungen eher Portierungen von Smartphone-Apps auf Android Wear. Dabei missachteten die Entwickler auch noch Googles Richtlinien für Android Wear, was zu einem sehr schlechten Bedienerlebnis führt. Ein voller Taschenrechner macht auf einer Smartwatch nur sehr begrenzt Sinn, die entsprechend kleinen Tasten sind kaum zu treffen. Daran ändern auch die schönsten 3D-Render nichts.

Außerdem müssen Anwendungen und Apps nach jeder noch so kurzen Stand-By-Zeit neu gestartet werden, da Android Wear von Haus aus keinen Multitasking-Support bietet. Das ist nicht nur unpraktisch sondern im Alltag auch ziemlich nervig. Aber immerhin: Apps wie der Facebook Messenger und WhatsApp haben inzwischen auch Android-Wear-Support erhalten, was ein gutes Zeichen ist, dass die Entwickler das System akzeptieren und in Android-Wear Potential sehen.

Im Facebook Messenger kann man schon mit der Smartwatch auf Nachrichten antworten.
Im Facebook Messenger kann man schon mit der Smartwatch auf Nachrichten antworten.

Zum aktuellen Zeitpunkt ist bei vielen Karten nur die Interaktion zum Öffnen auf dem Smartphone möglich.
Zum aktuellen Zeitpunkt ist bei vielen Karten nur die Interaktion zum Öffnen auf dem Smartphone möglich.

Smartwatches sind auch Uhren und zeigen dementsprechend immer die aktuelle Uhrzeit an. Jedoch lässt sich die Weise, wie die Uhrzeit angezeigt wird, vom Nutzer mit den sogenannten Watchfaces individuell anpassen. Von Haus aus haben alle Smartwatches mit Android Wear ein gewisses Repertoire an verschiedenen Watchfaces an Bord. Diese variieren von Uhr zu Uhr. Die LG G Watch hat zum Beispiel nicht exakt die gleichen Uhr-Designs an Bord wie die Samsung Gear Live. Eigentlich haben wir erwartet, dass Google mit dem Start von Android Wear eine Schnittstelle für Entwickler veröffentlicht, die es so einfach wie möglich macht, Watchfaces von Drittentwicklern zu installieren. Dem ist aber nicht so und deshalb sind die Entwickler/Designer quasi dazu gezwungen, Watchfaces umständlich in Form von Apps auszuliefern. Eine offizielle API werden die Smartwatches erst mit dem Update auf "Android L" im Herbst erhalten.

Simpel und funktional: Das Standard-Watchface von Android Wear.
Simpel und funktional: Das Standard-Watchface von Android Wear.

Aktueller Nutzen

Zum jetzigen Zeitpunkt ist bei der Benutzung einer Smartwatch mit Android-Wear deutlich erkennbar, dass man ein Early Adopter ist und das System noch nicht wirklich fertig ist. Es scheint ganz so, als hätte Google Android Wear so schnell wie möglich auf den Markt gebracht, um der Zersplitterung von Android-Smartwatches in diverse, miteinander nicht kompatible Systeme entgegenzuwirken oder ein Stückweit zuvorzukommen.

Eine wirklich sinnvolle Anwendung für das System ist bisher noch relativ begrenzt, meistens fährt die Hand nach dem Blick zum Handgelenk dann doch in die Hosentasche, um das Handy hervorzuholen. Zwar arbeiten diverse Unternehmen daran, ihren Apps Android-Wear Support zu spendieren, das was wir bisher aber sehen konnten, sind mehr Spielereien als innovative Erweiterungen aus denen man im Alltag auch einen Nutzen ziehen kann.

Google macht es bei einigen eigenen Apps vor, der originalen Kamera-App wurde eine Fernsteuerung spendiert, die ohne dass der Nutzer irgendetwas machen muss beim Öffnen der Kamera-App am Smartphone sich auch an der Smartwatch aktiviert. Solche wirklich nützliche Erweiterungen bieten einen echten Mehrwehrt und lasen eine Smartwatch auch auf längere Sicht interessant werden. Zum jetzigen Zeitpunkt überwiegen für uns aber die Probleme bei der Eingabe und fehlende Interaktionsmöglichkeiten, die von Entwicklern erst noch nach und nach eingebaut werden müssen.

Last but not least bietet auch die Akkulaufzeit Grund zur Kritik: Wer will schon neben dem Handy auch seine Smartwatch täglich aufladen? Aber genau das ist notwendig, um ohne funktionelle Einbußen über den Tag zu kommen.

Wie von Google Now gewohnt: Erinnerungen erscheinen dann, wenn man sie braucht.
Wie von Google Now gewohnt: Erinnerungen erscheinen dann, wenn man sie braucht.

Spezielle Watchfaces müssen aktuell noch umständlich als eigenständige App programmiert werden.
Spezielle Watchfaces müssen aktuell noch umständlich als eigenständige App programmiert werden.

Fazit

Android Wear ist in der heutigen Version (Stand September 2014) eine gute Basis für ein Smartwatch-Betriebssystem. Bis die Geräte auch für Otto Normalverbraucher sinnvoll sind, muss allerdings noch viel passieren. Oder mit anderen Worten: Google Now am Handgelenk ist zwar cool, aber noch lange nicht gut genug für die Spracheingabe auf Deutsch und somit in der Praxis nicht hilfreich. Bisher bietet das System deshalb zu wenige Mehrwert für den Preis, und die verfügbaren Apps sind zu oft nur Portierungen von Smartphone-Anwendungen anstatt die Apps sinnvoll zu ergänzen. Auch Google muss noch an einigen Stellen nachlegen: Denn das, was Android Wear aktuell von Haus aus kann, ist noch deutlich zu wenig. Ob Android Wear die Zukunft ist, oder sich Smartwatches mit Tizen, komplettem Android oder einem anderen System durchsetzen werden, bzw. ob den Smartwatches überhaupt eine lange Zukunft bevorsteht, hängt auch von den Akkus, vom Preis und vom Design ab. Denn die meisten Nutzer sind vermutlich mit einem schicken Fitness-Armband für 50 bis 100 Euro, das auch die Zeit und Android-Benachrichtigungen anzeigt, mindestens so glücklich wie mit einer Android-Wear-Watch für 200 Euro. Wir sind deshalb schon auf die nächste Generation an Geräten gespannt, die voraussichtlich zum Weihnachtsgeschäft erscheinen werden.

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