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Android ohne Google-Account nutzen: so funktioniert es

Das Leben eines Android-Smartphones beginnt damit, dass man ein Google-Konto einrichtet. Ein solcher Account bringt viele Bequemlichkeiten mit sich, ist aber für die Nutzung eines Android-Handys keine Pflicht. Wir machten die Probe aufs Exempel und zeigen Ihnen, wie Android ohne Google geht.

In der Android-User-Redaktion haben wir diesen Schritt bestimmt schon über hundert Mal gemacht: ein Google-Konto hinzufügen. Als einfacher Anwender richtet man sein Konto eher selten ein und überlegt sich vielleicht gar nicht, ob man überhaupt ein Google-Konto benötigt. Die Android-User-Redaktion hat vollstes Vertrauen in die Dienste und Apps von Google und nutzt sie jeden Tag aktiv und gerne. Trotzdem wollen wir Ihnen einmal zeigen, dass man ein Handy auch ohne Google-Account sinnvoll nutzen kann und wie man das tut.

Account anlegen überspringen

Je nach Hersteller erscheint beim ersten Start nicht die Aufforderung, sich einen Google-Account anzulegen, sondern zum Beispiel einen Samsung- oder Motorola-Account. Sie können diese Möglichkeit nutzen, falls der Hersteller anbietet, Ihr Handy auf diese Art zu schützen oder zu orten. Damit begeben Sie sich eigentlich aber nur von einer Abhängigkeit in die nächste. Wir empfehlen Ihnen deshalb, das Einrichten eines Kontos zu Beginn komplett zu überspringen, egal um welchen Hersteller und welches Konto es sich handelt. Das ist bei jedem Android-Gerät möglich. Wählen Sie dazu einfach im entsprechenden Dialog die Option Später oder Überspringen aus.

Abbildung 1: Sie müssen beim Setup Ihres Android-Smartphones keinen Account einrichten.
Abbildung 1: Sie müssen beim Setup Ihres Android-Smartphones keinen Account einrichten.

Die Formulierung ist geschickt gewählt, denn Google fragt zunächst einfach, ob Sie Gmail bereits nutzen. Sobald Sie hier Ihre Gmail-Daten angeben, wird jedoch das komplette Konto eingerichtet. Also einfach diesen Schritt ebenfalls überspringen und auch im zweiten Dialog mit Später antworten. Google wird sich bei der ersten Nutzung noch öfter mit der Frage melden, ob Sie ein Konto einrichten wollen. Antworten Sie stets mit später, dann bleiben die Fragen irgendwann aus.

Die zweite Hürde, die Sie beim Setup unbedingt nehmen müssen, ist die Abfrage von Standortdaten. Entfernen Sie hier unbedingt die Häkchen in beiden Checkboxen, sonst wandern wiederum Daten zu Google, was ja vermieden werden soll.

Abbildung 2: Entfernen Sie die Haken in den Checkboxen bei der anonymen Standorterfassung und beim WLAN im Hintergrund.
Abbildung 2: Entfernen Sie die Haken in den Checkboxen bei der anonymen Standorterfassung und beim WLAN im Hintergrund.

Der einzige Schritt, den Sie beim Setup nicht überspringen können (zumindest nicht bei Nexus-Geräten), ist die Einwilligung in die Updates von Google.

Abbildung 3: Die Updates von Google müssen Sie - auf Nexus-Geräten - akzeptieren.
Abbildung 3: Die Updates von Google müssen Sie – auf Nexus-Geräten – akzeptieren.

Anschließend begrüßt Sie ganz normal die Android-Oberfläche und Sie können Fotos machen, im Internet surfen und vieles mehr – aber keine Apps herunterladen und keine E-Mails über Gmail verschicken. Auf unserem Nexus 5 waren rund 20 Apps von Google vorinstalliert, auf einem durchschnittlichen Android-Gerät dürften es etwas mehr als ein Dutzend sein. Doch wozu, wenn man Google nicht benutzen will? Und (wie) wird man die Apps los?

Custom-ROM

Wenn Sie etwas Erfahrung mit Smartphones und Computern haben, dann ist es am einfachsten, eine alternative Firmware aufzuspielen und auf die Installation der Google-Apps zu verzichten. Dadurch sparen Sie auch Platz auf dem Handy, sodass dieser Weg auch dann sinnvoll ist, wenn Sie auf einem älteren Handy über zu wenig internen Speicher verfügen. Die am weitesten verbreitete alternative Firmware ist CyanogenMod [1]. Es gibt jedoch Hunderte von Custom-ROMs im Internet. Da die Installation einer alternativen Firmware allerdings etwas Fachwissen benötigt, ist dieser Weg für die meisten Nutzer nicht wirklich gangbar, zudem gibt es auch nicht für jedes Android-Gerät ein gutes Custom-ROM. Gehen Sie noch einen Schritt weiter, dann kompilieren Sie Android aus dem Quellcode selbst [2]. Das benötigt aber sehr viel Zeit und Fachwissen.

Google-Apps aufräumen

Sie haben Ihr Handy ohne Google-Account eingerichtet und stellen nun fest, dass Sie mehr als ein Dutzend der vorinstallierten Apps überhaupt nicht benutzen können? Oder Sie haben Ihr Smartphone schon länger, möchten jetzt aber von den vielen Google-Apps wegkommen? Dann zeigen wir Ihnen, wie Sie aufräumen. Die meisten Google-Apps lassen sich nicht deinstallieren, aber Sie können sie deaktivieren. Die Anwendungen belegen dann praktisch keinen Speicher und starten auch nicht von alleine. Das wirkt sich nicht nur auf den Speicherverbrauch positiv aus, sondern auch auf die Akkulaufzeit. Unser Google-freies Handy hielt in den Tests ein paar Stunden länger durch als üblich! Das Deaktivieren ist allerdings erst ab Android 4.1 möglich. Auf einer älteren Android-Version müssen Sie wohl oder übel mit den vorinstallierten Apps leben, sofern Sie das Handy nicht rooten wollen.

Wechseln Sie zur App-Übersicht, und ziehen Sie die Apps nach oben, die Sie nicht mehr benutzen wollen. Erscheint eine Möglichkeit zum Löschen, dann wählen Sie diese und entfernen die App. In den meisten Fällen besteht aber nur die Option, die App auf den Eintrag App-Info zu ziehen. Dort finden Sie zahlreiche Details über die App und oben rechts den Button Deaktivieren. Wählen Sie diesen aus, um sämtliche Updates zu löschen und die App quasi einzufrieren. Diesen Schritt müssen Sie für jede Google-App ausführen. Dazu gehören neben Play Store, Play Books, Play Games, Play Music und Play Kiosk auf den meisten aktuellen Handys auch die Google Suche, Google+, die Google-Einstellungen und eine Handvoll weiterer Apps wie Keep, Drive, Quickoffice, Hangouts oder Maps. Auch YouTube können Sie deaktivieren. Nicht löschen müssen Sie hingegen den Google Kalender, das Adressbuch, die Galerie und den Standardbrowser.

Abbildung 4: Die meisten Google-Apps lassen sich nicht löschen, sondern nur deaktivieren.
Abbildung 4: Die meisten Google-Apps lassen sich nicht löschen, sondern nur deaktivieren.

Google weist Sie beim Löschen darauf hin, dass eventuell gewisse Funktionen nicht mehr verfügbar sein werden. Sie können diese Warnungen getrost ignorieren. Auch die Play-Dienste werden Sie mit dem Löschen automatisch los. Anschließend bleiben bei einem neuen Handy nur noch ein paar Apps übrig. Nun gilt es, die gelöschten Apps durch Google-freie Alternativen zu ersetzen.

App-Store auswählen

Natürlich wollen Sie Apps installieren, Musik hören, E-Mails verschicken, im Internet browsen und viele weitere Dinge tun. Sie müssen ohne Google-Apps auf praktisch nichts verzichten, außer auf ein wenig Komfort. Der schwierigste Teil ohne die Google-Apps besteht darin, den Kalender und das Adressbuch aktuell und auf mehreren Geräten synchron zu halten. Dazu lesen Sie bitte unseren separaten Artikel über DavDroid ab Seite 18.

Zunächst brauchen Sie einen App-Store, um Apps herunterzuladen. Sie können diesen später wieder deinstallieren, wenn Sie sich sicher sind, dass Sie keine weiteren Apps benötigen. Wir empfehlen den App-Shop von Amazon [3] oder den Yandex.Store [4], falls Sie auch Apps kaufen und auf eine möglichst große App-Auswahl zugreifen wollen. Dazu muss die Installation von Apps aus unbekannten Quellen erlaubt sein. Bei Amazon ist das Angebot deutlich größer, Yandex hat nur die essenziellen Apps im Angebot. Falls Sie auch kostenpflichtige Apps nutzen wollen, müssen Sie Ihre Kreditkartendaten angeben und sich damit identifizieren. Sie können bei Amazon also auch Ihren bereits bestehenden Account benutzen. Sonst legen Sie einfach einen neuen an.

Wenn Sie möglichst unabhängig bleiben wollen, bietet sich die komplett freie Alternative F-Droid [5] als Store an. Allerdings ist hier das Angebot an Apps doch sehr eingeschränkt. Einen Mittelweg zwischen Google-frei und App-Verzicht gibt es auch noch: Wenn Sie die URL einer App bei Google Play kennen, dann können Sie jede App über den APK-Downloader [6] auch als APK-Datei herunterladen. Die Download-Seite ist allerdings derart mit Werbung zugemüllt, dass wir von dieser Lösung abraten.

Abbildung 5: F-Droid enthält nur freie Software und gilt deshalb als recht sichere Quelle für Android-Apps.
Abbildung 5: F-Droid enthält nur freie Software und gilt deshalb als recht sichere Quelle für Android-Apps.

Alternativen installieren

Üblicherweise sollte auf Ihrem Handy der Standardbrowser von Android installiert bleiben. Er basiert auf freier Software, sodass wir keinen Anlass sehen, die Browser-App auszutauschen. Sind Sie aber auf der Suche nach einem sehr guten und schlanken Browser mit Tab-Support, dann können wir Ihnen den Tint Browser empfehlen, den es bei F-Droid zum Download gibt [7].

Abbildung 6: Mit dem Tint Browser surfen Sie schneller im Internet, ohne auf Komfort verzichten zu müssen.
Abbildung 6: Mit dem Tint Browser surfen Sie schneller im Internet, ohne auf Komfort verzichten zu müssen.

Für Ihre Termine bietet sich aCalendar in der Bezahlversion an, da Sie damit auch lokale Kalenderdateien anlegen können. Sie finden die App im Amazon App-Shop für 2,99 Euro. Sie können aber auch den vorinstallierten Google Kalender verwenden. Dieser verweigert zwar zunächst den Dienst mit einer Fehlermeldung bezüglich Online-Kalender, sobald Sie aber mit der App Offline Calendar [8] eine lokale Kalenderdatei erstellen, funktioniert die App prima.

Abbildung 8: Der Google Kalender verweigert seinen Dienst ohne Google-Konto und legt keinen Termin an.
Abbildung 8: Der Google Kalender verweigert seinen Dienst ohne Google-Konto und legt keinen Termin an.

Abbildung 9: Mit einer lokalen Kalenderdatei lässt sich der Google Kalender ganz leicht überlisten.
Abbildung 9: Mit einer lokalen Kalenderdatei lässt sich der Google Kalender ganz leicht überlisten.

Abbildung 10: Sogar die gewünschte Farbe hat der neue Kalender übernommen, besser als im Original.
Abbildung 10: Sogar die gewünschte Farbe hat der neue Kalender übernommen, besser als im Original.

Als E-Mail-App empfehlen wir K-9 Mail. K-9 Mail ist freie Software und bei F-Droid verfügbar. Sie können damit auch einen Gmail-Account einrichten, wenn Sie nicht auf Googles Maildienst verzichten wollen. Kartenersatz für Google Maps bietet OsmAnd, als Navigationslösung empfiehlt sich das freie Navit. Musik hören Sie ohne Play Music mit Apollo, Bücher lesen Sie mit Cool Reader. Auch diese Apps gibt es bei F-Droid. Mit etwas Recherche finden Sie für jede Google-App eine passende Alternative, auch das automatische Hochladen von Fotos ist zum Beispiel über Flickr möglich (bei Amazon erhältlich).

Abbildung 11: Mit Cool Reader bekommen Sie einen einfach gestrickten E-Book-Reader, der viele Formate unterstützt.
Abbildung 11: Mit Cool Reader bekommen Sie einen einfach gestrickten E-Book-Reader, der viele Formate unterstützt.

Nachteile

Das Handy ohne Google zu benutzen, bringt auch ein paar Nachteile mit sich. So müssen Sie auf viele tolle Features verzichten, die Google in seinen Apps bietet und ständig ausbaut. Ohne App-Store erhalten Sie zum Beispiel keinerlei Updates, und wenn Sie Ihre Daten ausschließlich auf dem Handy speichern, dann sind sie unwiederbringlich verschwunden, wenn Sie es verlieren. Die Auswahl an Apps ist zwar stark eingeschränkt, wenn Sie nur F-Droid benutzen, aber für die wichtigsten Aufgaben findet sich eine Lösung. Komplett verzichten müssen Sie allerdings auf den bequemen Kauf von Büchern, Filmen und Musik. Theoretisch gibt es auf Ihrem Handy etwas mehr Sicherheitslücken, da Sie eventuell über längere Zeit eine veraltete Version einer App benutzen. Das tatsächliche Risiko schätzen wir aber als sehr gering ein. Nach unserem Test über sieben Tage lang ohne Google-Account kehrten wir gerne wieder zu den gewohnten Apps zurück, haben bei dem Experiment aber auch sehr viele tolle neue Apps und Tricks entdeckt, die wir sonst übersehen hätten.


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