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Android mit Ubuntu zusammen benutzen

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Android und Ubuntu bauen eigentlich beide auf einem Linux-Kernel auf. Trotzdem müssen sie unter Umständen durch den ein oder anderen Kniff erst zur Zusammenarbeit überredet werden. Wir zeigen Ihnen wie.

Möchten Sie Daten, Videos oder Musik zwischen Linux-Rechner und Smartphone transferieren? Im Optimalfall klappt dies nach einem Anstöpseln des Handys ohne Probleme. Doch was, wenn nicht? Der erste Teil des Artikels geht hierzu auf ältere Android-Versionen ein, die sich dem Computer via USB noch als Massenspeicher anbieten. Danach erfolgt eine Darstellung, weswegen der Zwang neuerer Modelle, das MTP-Protokoll zu verwenden, ein Problem darstellen kann. Zum Schluß wird noch auf eine einfache kabellose Lösung hingewiesen – für den Fall dass alle Stricke reißen sollten.

Massenspeicher

Wird ein Android-Smartphone via USB an einen Computer angestöpselt, und verfügt es noch nicht über mindestens Ice Cream Sandwich, verbindet sich das Handy als externer Massenspeicher mit dem Betriebssystem. In dem Fall kommt es für ein funktionierendes Zusammenspiel darauf an, dass Linux etwas mit dem vorliegenden Dateisystem anfangen kann. Externe Speicherkarten formatieren Anwender oft mit FAT32 oder exFAT. Ersteres ist schon etwas älter, und kann deswegen ohne Probleme gelesen und geschrieben werden. Allerdings vermag dieses nur Dateien mit einer maximalen Größe von vier Gigabyte verwalten. Bei exFAT besteht diese Beschränkung nicht.

Für eine externe Speicherkarte, auf der man nur ein paar Videos und Musikdateien ablegt, reichen diese einfachen Dateisysteme aus. Allerdings stellen sie in punkto Organisation, Dateizugriff, Dokumentation und der fehlenden Möglichkeit, Dateizugriffsrechte mitabzuspeichern, nicht gerade das Optimum dar. Der große Vorteil besteht in der Portabilität: FAT32 ist eine Art kleinster gemeinsamer Nenner, der von den meisten Betriebssystemen verstanden wird, so dass man seine Speicherkarte auch leicht anderen Leuten ausleihen kann.

Möchten Sie unbedingt nicht nur FAT32, sondern auch exFAT unter Linux nutzen, wird es etwas umständlich. Microsoft erhebt Patentansprüche auf exFAT, die verschiedene Länder (darunter auch Deutschland) anerkennen. Wegen dieser rechtlichen Problematik liefern die gängigen Linux-Distributionen keinen Trieber für dieses Dateisystem mit. Der Programmierer Andrew Nayenko bietet trotzdem einen solchen als Quellcode an. Nutzer, denen exFAT-Unterstützung sehr wichtig ist, werden nicht drumrumkommen, den Treiber selbst zu compilieren. Dafür muss man zuerst die benötigten Pakete via sudo apt-get install subversion scons fuse-devel gcc installieren, den Quellcode beziehen (svn co http://exfat.googlecode.com/svn/trunk/ exfat-read-only), in das hierdurch neu angelegte Verzeichnis wechseln (cd exfat-read-only), und schließlich den Compiler durchlaufen lassen (scons). Nach der Installation des fertigen Treibers via sudo scons install lässt sich die entsprechende Speicherkarte mounten.

Android benutzt als Dateisystem für den internen Speicher angemessenere Lösungen. Seit der Version 2.3 setzt es genauso wie Ubuntu (und auch die wichtigsten anderen Linux-Distributionen) als Standard ext4 ein. Dieses ist hochmodern, wird den Ansprüchen an das Rechtemanagement gerecht, und erlaubt wesentlich schnellere Schreibzugriffe als das Dateisystem, welches bei älteren Smartphones noch Anwendung fand: YAFFS (Yet another Flash File System). Samsung verwandte früher übrigens eine selbst gestrickte Lösung (RFS = Robust File System), schwenkte dann aber wegen Kundenprotesten auch auf den Android-Standard um. Möglicherweise wird es in Zukunft noch weitere Änderungen geben: Manche Stimmen kritisieren, dass ext4 die Lebensdauer des Flash-Speichers durch häufige Schreibzugriffe strapaziert, weil es Journaling verwendet (grob gesagt bewirkt dieses, dass die Gefahr von Datenverlusten sinkt, allerdings um den Preis von eben jenen vermehrten Schreibzugriffen). Ext4-Partitionen kann Ubuntu natürlich problemlos mounten.

PTP und MTP

Seit Android 4.0 ist eine Verbindung als Massenspeicher nicht mehr möglich. Stattdessen realisiert das Handy die Übertragung via PTP oder MTP. PTP (= Picture Transfer Protocol) lag ursprünglich der Gedanke zu Grunde, Fotos von Digitalkameras auf Computer zu übertragen, ohne dass für jedes Modell ein eigener Treiber notwendig ist. Das Betriebssystem muss nur das PTP-Protokoll verstehen können. Inzwischen nutzen auch andere Geräte – wie etwa Smartphones – diese Übertragungsmöglichkeit. Als Erweiterung von diesem entwickelte Microsoft MTP (= Media Transfer Protocol). Später erfolgte eine offizielle Klassifizierung als Erweiterung von PTP durch die USB-IF (ein Zusammenschluss von Hardware-Herstellern, der sich um diverse Belange bezüglich des USB-Anschlusses kümmert).

Abbildung 1: Der Anschluss eines Android-Geräts erfolgt seit Version 4.0 nur noch via MTP oder PTP.
Abbildung 1: Der Anschluss eines Android-Geräts erfolgt seit Version 4.0 nur noch via MTP oder PTP.

MTP hat wie PTP den großen Vorteil, dass es Dateisystemübergreifend funktioniert: es ist vollkommen gleich, auf welche Art und Weise das angestöpselte Gerät seine Daten organisiert. Solange das Betriebssystem auf beiden Seiten das MTP-Protokoll beherrscht, können die Daten übertragen werden. Außerdem vermag das Handy nun nicht mehr nur Bilder transferieren, sondern jede beliebige Datei. Ferner ist es möglich, das Smartphone während des Übertragungsvorgangs weiter zu bedienen. Das klingt alles verlockend – doch an einer entscheidenden Stelle kann der Linux-Anwender auf ein Problem stoßen: Die Unterstützung des MTP-Protokolls.

Hierbei sollte man seinen Blick auf gvfs ("Gnome virtual file system") richten, welches über den gvfs-daemon die Einbindung verschiedener Netzwerprotokolle realisiert. Seit Version 1.15.2 unterstützt dieser auch MTP. Allerdings wird die neueste gvfs-Version erst in Ubuntu 13.04 "Raring Ringtail" enthalten sein. Jedoch ist davon auszugehen, dass viele Anwender weiterhin dem Versionszweig mit Langzeitsupport den Vorzug geben werden, also 12.04.

Glücklicherweise hat Philip Landale, welcher auch für die Entwicklung des MTP-Supports für gvfs verantwortlich zeichnet, Backports für die Versionen 12.04 und 12.10 erstellt. Dafür muss man zuerst Landales Paketquelle auf der Shell mittels sudo add-apt-repository ppa:langdalepl/gvfs-mtp zum System hinzufügen. Natürlich besteht hier wie bei jeder Fremdquelle im System ein theoretisches Stabilitäts- und Sicherheitsrisiko. In diesem Fall ist diese Gefahr jedoch als eher gering anzusehen. Nun lädt man mittels sudo apt-get update und sudo apt-get upgrade die Updates herunter. Nach einem Neustart des Computers baut dieser eine MTP-Verbindung auf, sobald Sie das Android-Smartphone an den USB-Port anstöpseln.

Abbildung 2: Die benötigten Treiber richten Sie über einen einzigen Befehl ein.
Abbildung 2: Die benötigten Treiber richten Sie über einen einzigen Befehl ein.

Abbildung 3: Mit den richtigen Treibern sieht Ubuntu die gleichen Dateien wie Ihr Android-Smartphone.
Abbildung 3: Mit den richtigen Treibern sieht Ubuntu die gleichen Dateien wie Ihr Android-Smartphone.

Bei unserem Test funktionierte die Übertragung problemlos und stabil. Sollte es jedoch auf ihrem System trotzdem zu Problemen können, möchten sie möglicherweise Ihr System von den installierten Backports (gvfs und libmtp) wieder befreien. Entfernen Sie hierzu auf der Shell die Fremdquelle mit dem Kommando sudo ppa-purge ppa:langdalepl/gvfs-mtp. Ubuntu ersetzt die Pakete dann wieder durch die Originalquellen.

AirDroid


Funktioniert keine der oben angegebenen Lösungen, weil ihr Smartphone beispielsweise noch zu neu ist, um vom gvfs-Backport unterstützt zu werden? Oder möchten Sie einfach keine Änderungen an Ihrem Ubuntu-System vornehmen? Dann bleibt immer noch die unkomplizierte, drahtlose Übertragung übrig. Installieren Sie dazu die kostenlose App AirDroid [2] auf ihrem Handy und starten diese. Geben Sie nun die von AirDroid ausgegebene Kombination aus IP-Adresse und Passwort in Ihren Webbrowser ein. Anschließend steht der Dateiübertragung mittels des heimischen Wlans nichts mehr im Wege.

Abbildung 4: AirDroid generiert ein Zufallspasswort für die Verbindung zum Rechner.
Abbildung 4: AirDroid generiert ein Zufallspasswort für die Verbindung zum Rechner.

Abbildung 5: Der Login erfolgt ganz einfach im Browser.
Abbildung 5: Der Login erfolgt ganz einfach im Browser.

Abbildung 6: AirDroid stellt die Dateiauswahl über eine komfortable Oberfläche dar.
Abbildung 6: AirDroid stellt die Dateiauswahl über eine komfortable Oberfläche dar.