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Sprachsteuerung: Iris, Siri & Co. im Vergleich

Apple sorgte mit der Spracherkennung Siri für viel Aufmerksamkeit. Ob es ähnliches auch für Android gibt, zeigt der Test.

Die Sprachsteuerung von Apple alias Siri [1] macht zugegeben Spaß. Doch die Befürchtung, dass bald jeder Zweite morgens im Bus mit seinem Handy spricht, hat sich bislang nicht bestätigt. Sprachsteuerung ist nicht neu und bringt ein großes Potenzial mit: So zeigten jüngst Bastler auf YouTube [2], wie sie mit einem umgebauten Siri auf Kommando auch das eigene Garagentor öffnen. Sicher bleibt also zukünftig noch viel spannender Raum für weitere Anwendungsmöglichkeiten, die jenseits der klassischen Hands-Free-Bedienung im Auto liegen.

Eines ist schon jetzt klar: Siris Stärke zeigt sich nicht in der reinen Spracherkennung oder dem Ausführen von zugeordneten Befehlen, sondern in der freien Wortwahl. So versteht die App neben dem Befehl "Wetter" auch Abfragen wie "Brauche ich heute Gummistiefel?". Das Zauberwort heißt Semantik, oder auf deutsch ganz einfach Bedeutung. Apples Server gruppieren Begriffe wie Gummistiefel, Regenschirm und Regenjacke und verknüpfen sie mit der Bedeutungskategorie Wetter.

Auch Google möchte bei dieser Entwicklung nicht ins Hintertreffen geraten und rüstet die schon länger verfügbaren Voice-Actions von Android zurzeit kräftig auf: Unter dem Codename Majel bastelt das Unternehmen seit einiger Zeit an einer Antwort auf Siri, die Voice-Actions mit freien Sprachkommandos ergänzen soll. So soll die App zukünftig auch offene Formulierungen des Anwenders erkennen, um Mails, Maps, und Kalender zu bedienen oder allgemeine Fragen zu beantworten. Den Namen Majel leitet Google übrigens von Majel Barrett-Roddenberry ab, der Dame, die 38 Jahre die Originalstimme für alle Föderations-Computer der Science-Fiction-Serie Star Trek war. Eine nette Hommage, auch wenn der Weg zum Tricorder sowohl für Apple als auch für Android noch weit sein dürfte.

Die Zukunft spricht also frei ins Smartphone und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich schon jetzt mehrere Apps im Android Market finden, die es Siri gleich tun und Sprachbefehle mehr oder weniger offen entgegen nehmen. Spektakulär erschien in diesem Zusammenhang die Meldung, dass ein kleines Android-Entwickler-Team in wenigen Stunden die eigene Spracherkennungssoftware Iris [3] programmierte. Mit einer Mischung aus technischen Skills und sportlichem Ehrgeiz entstand die jetzige Alpha-Version der Entwickler quasi über Nacht. Doch kann eine Gruppe talentierter Geeks wirklich mit einer 600 Millionen Dollar Software mithalten?

Die Ergebnisse von Iris sind angesichts des ungleichen Kräftemessens und der kurzen Entwicklungszeit jedenfalls überraschend gut. Allerdings zeigt Siri ihr volles Potenzial bisher nur auf englisch und unterstützt die meisten Sprachbefehle nur in dieser Sprache.

Vieles spricht dafür, dass Apple sich als Partner für seine Spracherkennung die Technik von Dragon NaturallySpeaking [4] eingekauft hat – zumindest sind die Ergebnisse und Fehler bei beiden Programmen verblüffend ähnlich. Der Hauptteil der riesenhaften Kosten für Siri dürfte zudem auch in der großen Serverfarm liegen, an die weltweit jeder Befehl von Millionen iPhone-Nutzern zur Auswertung geschickt wird.

Dennoch scheint die Technik auch im Kleinen möglich zu sein. Wenn wir uns die Kandidaten im Android Market etwas genauer ansehen, fallen einige Programme mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen ins Auge.

Skyvi: Denglisch spreching


Der erste Prüfling nennt sich Skyvi [5]. Er bietet in der aktuellen Version zwar nur eine begrenzte Auswahl an Sprachbefehlen, diese funktionieren aber überwiegend gut. Die Sprachkommandos richten sich bislang aber hauptsächlich nach den Bedürfnissen von Studenten und Geeks. So lassen sich Copyshops und Cafés in der Umgebung finden, auf Wunsch erinnert die App an favorisierte Restaurants, wenn Sie sich in deren Nähe befinden. Diese Orte lassen sich als so genannte Beacons speichern.

Abbildung 1: Skyvi: Die App bringt zwar nur eine begrenzte Auswahl an Sprachbefehlen mit, die jedoch im Test gut funktionierten.
Abbildung 1: Skyvi: Die App bringt zwar nur eine begrenzte Auswahl an Sprachbefehlen mit, die jedoch im Test gut funktionierten.

Auch Grundfunktionen von Facebook und Twitter bedient Skyvi per Sprache, wobei die Spracherkennung für den Text einen guten Job macht. Dennoch kämpft Skyvi in diesem Zusammenhang mit einigen Kinderkrankheiten: Besonders nervig ist beispielsweise die fehlende deutsche Sprachausgabe der App, womit sie in meist unverständlichem "denglisch" antwortet. Sprachbefehle erkennt sie ebenfalls nur in englischer Sprache, während die Texteingabe aber auch deutsch akzeptiert. Dieses Durcheinander sorgt schnell für Verwirrung und wäre mit einer einfachen Übersetzung der App ins Deutsche leicht behoben. Wer aber mit wenigen Sprachkommandos auskommt und über den Wechsel zwischen deutsch und englisch hinwegsehen kann, der sollte Skyvi ruhig mal ausprobieren.

Vlingo: Virtual Assistant


Auch Vlingo [6] schreibt sich das Auswerten und Erkennen natürlicher Sprachformulierung auf die Fahnen: Keine starren Befehle, sondern menschliche Sätze sollen hier zum Erfolg führen. Realisiert wird das mittels der eigenen "Intense Engine" des Unternehmens. Vlingo tanzt auf allen Hochzeiten und ist nicht nur für Android, sondern auch für Blackberry, iOS, Windows Mobile und Nokia erhältlich.

Abbildung 2: Vlingo: Die Auto-Funktion erlaubt es Ihnen, das Smartphone auch während der Fahrt zu bedienen.
Abbildung 2: Vlingo: Die Auto-Funktion erlaubt es Ihnen, das Smartphone auch während der Fahrt zu bedienen.

Interessant ist die Auto-Funktion, die es Ihnen erlaubt, Vlingo während der Fahrt zu bedienen: Mit einem "Hallo Vlingo" wecken Sie die App auf und aktivieren die Sprachsteuerung. Allerdings ist die Funktion nicht konsequent zu Ende gedacht, denn nach dem Diktieren einer E-Mail gilt es nach wie vor, den Empfänger mehr oder weniger per Hand auszuwählen. Immerhin: Telefonate funktionieren problemlos, ein "Anruf bei Jakob" genügt, um die Verbindung aufzubauen. Sind mehrere Jakobs im Adressbuch vorhanden, präsentiert Vlingo eine autofahrergerechte Auswahlliste in extra großer Schrift.

Probleme hat Vlingo noch mit der Integration von Facebook und Twitter. Beides klappte nicht auf Anhieb, da bei Facebook der Link im Nirvana endete und die Twitter-Funktion zwar einen neuen Account anlegen kann, aber keinen Bestehenden vorsieht.

Alice: Kleine Zicke mit Potenzial


Neben einer gehörigen Portion Humor und guter Spracherkennung kann man mit der App Alice [7] schon einiges veranstalten: Fragen nach prominenten Personen beantwortet sie problemlos, das Wetter lässt sich regional erfragen und wird grafisch ansprechend beantwortet. Auch Programme lassen sich per Sprachkommando starten. Die integrierte Anruffunktion klappt ohne Probleme und bei gleichnamigen Kontakten oder E-Mail Empfängern bietet Alice eine übersichtliche Auswahl.

Abbildung 3: Nicht nur informativ, sondern durchaus auch schlagfertig präsentiert sich die Spracherkennung Alice.
Abbildung 3: Nicht nur informativ, sondern durchaus auch schlagfertig präsentiert sich die Spracherkennung Alice.

Probleme hat Alice hingegen noch bei dem versenden von SMS. Nach der Spracheingabe landeten wir im Test in einer Endlosschleife, aus der wir nur schwer wieder heraus kamen. Auch beim Verfassen von E-Mails zeigt sich Alice noch etwas wackelig auf den Beinen und quittiert hin und wieder den Dienst, wenn es einen Namen partout nicht versteht.

Alles in allem gibt sich Alice als kleines Wunderkind, das abgesehen von den sporadischen Abstürzen beeindruckend gut funktioniert. Erfrischend ist vor allem der Unterhaltungswert: Weiß Alice mal nicht weiter oder stellen Sie eine allzu freche Frage, erhalten Sie meist eine ziemlich schlagfertige Antwort. Manche Funktionen wie Routenplaner, Datum oder Wecker sind zurzeit noch nicht integriert. Wird dies noch nachgerüstet, könnte auch Alice zukünftig durchaus mit Siri mithalten.

Iris: David gegen Goliath


Allein im Icon der App steckt schon eine gewisse Portion Ironie: Die blaue Lampe erinnert doch stark an die rote Leuchte des eigentümlichen Computers "HAL 9000" aus dem Science-Fiction Klassiker "2001 – Odyssee im Weltraum " von Stanley Kubrick. Doch hinter dem kreativ-puristischen Äußeren steckt auch handfeste Technik und eine spannende Story.

Iris war nicht nur das erste, spontan programmierte Gegenstück zu Apples Siri, sondern auch eine kleine Sensation: Nach eigenen Angaben des Android Entwickler-Teams Dexetra saßen die Macher in einer Overnight-Session zwischen sechs und acht Stunden am Rechner und programmierten aus einer Laune heraus um die Wette an der App. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: In manchen Tests schlug sie sogar Apples Riesenprojekt Siri und konnte bessere Antworten liefern. Wer sich auf die rein englische Sprachsteuerung einlässt, hat mit Iris viel Spaß.

Abbildung 4: Deutsch verstehen nur die wenigsten Apps korrekt. Das trifft auch auf Iris zu.
Abbildung 4: Deutsch verstehen nur die wenigsten Apps korrekt. Das trifft auch auf Iris zu.

So hat Iris auf viele Fragen eine Antwort: Sei es der höchste Berg der Welt oder wie viel Zucker durchschnittlich in einer Cola steckt. Iris weiß bescheid. Getrübt wird der Spaß durch den Umstand, dass die Iris-Server in letzter Zeit zunehmend überlastet sind und auf manche Fragen überhaupt keine Antwort kommt. Dennoch dürfen wir von Iris in Zukunft wohl noch so manche Überraschung erwarten.

Speaktoit Assistant


Wer mit der englischen Sprache kein Problem hat, kommt mit Assistant [8] auf seine Kosten: Die App verschickt Mails und SMS, startet auf Wunsch Programme und stellt den Wecker. Allgemeine Fragen, etwa nach Routen oder Cafés beantwortet Assistant mit einer gelungenen Google-Maps Integration, ohne dafür den Browser zu bemühen. Insgesamt ergibt sich damit eine zackige Bedienung. Einziger Nachteil: Da die App bislang nur englisch versteht, müssen Sie SMS und E-Mails in dieser Sprache nach wie vor mit der Tastatur eingeben.

Abbildung 5: Assistant spielt seine Stärken bei der Navigation und dem Finden von Orten aus.
Abbildung 5: Assistant spielt seine Stärken bei der Navigation und dem Finden von Orten aus.

Tipp

Möchten Sie mit Ihrem virtuellen Gegenüber auf Deutsch plappern, dann installieren Sie am besten Alicoid [9]. Die App kostet 99 Cent.

Fazit

Der Android Market bietet diverse Alternativen zu Apples Siri. Zwar akzeptiert noch keine App so umfangreiche und flexible Sprachkommandos wie das aktuelle iPhone. Dafür aber beherrschen einige der Programme Funktionen, die Siri bis dato in Deutschland noch nicht bietet. Dazu gehören Routenplaner, Twitter und Facebook, eine Wolfram Alpha Integration und die location-abhängigen Dienste. Für welche der Apps Sie sich am Ende entscheiden, hängt vom Nutzen ab: Für Twitter- und Facebook-Fans empfiehlt sich Skyvi, Vielfahrer sollten die In-Car-Funktion von Vlingo ausprobieren und wer etwas mehr Unterhaltung und überraschende Ergebnisse sucht, ist mit Alice und Iris gut bedient. Eines scheint bei dieser Entwicklung aber sicher zu sein: Es kommt der Tag, an dem wir morgens alle im Bus sitzen und mit unseren Handys sprechen.

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