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Album der Woche: Beck – Morning Phase

Wer den schrillen Klang seines Weckers nicht mehr hören kann und die Uhr am liebsten an der Wand zerschmettern möchte, der sollte sich von Beck wecken lassen. Seine Musik ist wie ein Traum und verspricht einen sanften Start in den Tag.

Kaum jemand beherrscht die Musik besser als Beck. Er untermauert diese These mit jedem neuen Song und mit jedem neuen Album. Von Country-Rock-Rap wie bei "Loser" über die Easy-Listening-Sample-Hölle von "Where It’s At" bis hin zu der Future-Funk-Pop Hymne "Sexx Laws" und den Power-Rock-Riffs von "E-Pro". Oder mit seinem letzten Streich "Gamma Ray", mit dem ihm eine Art Retro-Future-Indie-Fusion gelang. Und weil das alles noch nicht genug ist, gönnt sich Beck zwischendurch ruhigere Klänge. Dann besinnt er sich auf die zarte Pflanze des Songwritings. Zwei solche Alben hat der Meister bisher veröffentlicht: "Mutations" und "Sea Change". Das nun folgende "Morning Phase" (reinhören) reiht sich harmonisch ein und bringt dem Hörer Lieder, die wie die Wärme der ersten Sonnenstrahlen nach einem langen Winter die Zuversicht wecken.

 

 

 

Ein 39 sekündiges Intro leitet mit schweren, losen Streichern in das Album. Wie die letzten Sekunden vor dem Sonnenaufgang, der sich bereits im zweiten Lied "Morning" über dem weiten Land ausbreitet. Langsam, und ganz bei sich, nimmt Beck den Hörer bei der Hand, führt ihn aus dem Dunklen ins Licht, das sich blaßgolden auf die Haut und das Gemüt legt. Die Wärme der Lieder durchdringt jede Zelle und verspricht einen Tag, an dem alle Versprechungen in Erfüllung gehen.

Mit jeder Minuten, die ?Morning Phase? läuft, glitzert der Tau auf Blättern schöner. Bei "Heart Is A Drum" erhebt sich die Musik. Langsam aber sicher. Es wird beschwingter. Lebendiger mit jedem Anschlag der Gitarrensaiten, die im hölzernen Korpus erklingen. Dann gesellt sich ein Klavier dazu und öffnet den Melodien Tür und Tor. Einen kleinen Schritt weiter steht der Hörer inmitten dieser Musik. Wird umhüllt von Harmonien, die aus längst vergessener Zeit dringen und der Gegenwart ihren Wert schenken. Beck versteht sich darauf wie kaum ein anderer. Er ist ein Meister all dessen, das er macht, egal was auch immer das sein mag.

Die Schönheit des Seins verbrüdert sich mit der Klarheit der Musik und wird zu einer Traumwelt, die näher an der Wirklichkeit ist als die Realität selbst. Dann, wenn "Blue Moon" betörend den Hörer um den kleinen Finger wickelt. Oder wenn "Wave" mit seiner dramaturgisch perfekten Streichern wie ein Nebel aus alter Zeit aufzieht und wie der großer Bruder von "Round The Bend" – einem der besten Beck-Lieder überhaupt – erklingt. Bei "Blackbird Chain" wird zwischen Decke und Kopfkissen ein Lagerfeuer gebettet. Langsam schunckelnd verzögert sich der Tag.

Mit "Waking Light" endet das Album nicht einfach nur. Es entschwindet langsam, wie es gekommen ist. Es hinterlässt ein andächtiges Meisterwerk, das nicht nur den Morgen eines neuen Tages in all seinem Glanz erstrahlen lässt, sondern Mut macht, den Tag als Freund zu sehen. Komme was will. Mit Beck auf seiner/ihrer Seite ist das Glas nicht mehr halb leer, sondern stets voll.

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